Beckett: Geister
Das große Tal, einer der wenigen Flecken Erde an denen das Leben noch erträglich zu sein scheint, wird für Beckett zu einer wahren Todesfalle. Voll finsterer Geheimnisse, Angst und Gräueltaten, entpuppt sich das Tal als ein Ort dessen Gesetze und Regeln komplett anders sind als alles was der Jäger kennt. Gesetze und Regeln, die er akzeptieren muss, um denen zu helfen, die ihn in das dunkle Herz der Wälder gerufen haben. ACHTUNG: ausführliche Gewaltdarstellung/unflätige Sprache/Sex- und Drogen werden erwähnt.

1.
Als die Kugel seine linke Schulter durchschlug, wusste Beckett, dass das nicht sein Tag war und er wusste auch, dass er ihn nur mit viel Glück überleben würde. Von der Wucht des Projektils mitgerissen, stolperte er gegen die nächstgelegene Wand des kleinen, fensterlosen Waschraums. Der Gestank verbranntem Schießpulvers hing klebrig in der Luft und vermischte sich mit dem scharfen Geruch des uralten Essigs, den Abby Walters immer zur Reinigung der Toilettenräume ihrer Bar benutzte.
Beckett konnte ihre Stimme hören. Auf der anderen Seite der verschlossenen Tür rief sie seinen Namen, hämmerte, alarmiert vom Geräusch des Schusses, gegen das Holz. Sie hätte im Moment genauso gut eine Meile weit entfernt sein können.
Der Jäger sparte sich die Mühe, über seine eigene Unvorsicht nachzudenken. Natürlich war es für jemanden mit seiner Profession gefährlich dumm, feste Gewohnheiten zu haben, bestimmte Örtlichkeiten regelmäßig aufzusuchen. Aber es war nun mal wie es war und Beckett niemand, der über verschüttete Milch klagte. Lieber konzentrierte er sich auf denjenigen, der ihn in diese Situation gebracht hatte.
Der Junge konnte kaum älter als achtzehn oder neunzehn Jahre sein. Seine tiefliegenden, grünen Augen funkelten Beckett unter einem fettigen Pony hervor mit bösartiger Befriedigung an. Ein Anfänger, jemand der auf seinen ersten großen Fang aus war, um sich einen Namen zu machen. Ab und an tauchten sie aus dem Nichts aus und versuchten einen der etablierten Jäger zur Strecke zu bringen. Die meisten verschwanden kurz darauf auch wieder im Nichts, weil sie sich einfach nicht an die zwei goldenen Regeln für Grünschnäbel halten konnten. Die da hießen: Erstens- sieh immer nach, wer zur Beerdigung kommen könnte und Zweitens– wenn du dein Ziel vor der Knarre hast, halt dich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.
Nun, Punkt eins stellte in Becketts Fall kein Problem dar. Es gab niemanden, der ihn rächen würde. Doch der Junge setzte sich selbst ein Bein, weil er es schlicht und ergreifend viel zu sehr genoss, am längeren Hebel zu sitzen. Die Waffe auf sein scheinbar hilfloses Opfer gerichtet, weidete er sich an seiner Überlegenheit. Daran, den älteren und viel erfahreneren Jäger in die Ecke gedrängt zu haben. Sein unsteter Blick flatterte wie ein hungriger Schmetterling gierig zwischen Becketts Gesicht und der Stelle, an der der Stoff des hellen Hemdes begann sich tiefrot zu färben, hin und her. Der faszinierte Ausdruck auf seinem Gesicht verriet, dass ihm gefiel was er sah.
Er verschwendete Zeit die Becketts Instinkt zu nutzen begann. Verfolgt vom Blick seines Gegners begann der Jäger sich an der Wand in seinem Rücken entlang zu schieben. Viel Zeit blieb ihm vermutlich trotz allem nicht. Jemand versuchte die verriegelte Tür aufzubrechen und vorher, das war sicher, würde der kleine Möchtegern ihn tatsächlich umbringen, auch wenn er jetzt sogar noch zu quatschen begann.
„James Beckett“, sagte er mit höhnischem Grinsen. „Der fantastische Beckett. Weißt du eigentlich, dass du einen Ruf wie Donnerhall hast?“
Ja, wusste Beckett. Vorsichtig tastete er die Wand hinter sich ab. Kalte gesprungene Fliesen, ein krummer Nagel, aber nicht das was er suchte.
„Ich bin übrigens Baruth“, stellte sich der Junge unterdessen großspurig vor. Als ob man ihn kennen musste. „Schon schade, dass du dir den Namen nicht merken brauchst, dort wo du hingehst.“ Der Lauf der Waffe verfolgte die langsamen Bewegungen des Jägers. „Weißt du, irgendwie bin ich doch enttäuscht von dir. Das war ja einfacher als einem Baby den Schnuller zu klauen.“
Baruth schnalzte missbilligend und spannte den Hahn seiner altmodischen Smith&Wesson.
„Jetzt versteh’ ich auch endlich deinen Spitznamen. Hab’ mich schon immer gefragt warum sie so’n angeblich harten Kerl wie dich Two-Buck nennen. Ist vermutlich alles was deine Kunden dir zahlen was? Nach der schwachen Nummer hier bist du noch deutlich überfinanziert, würde ich sagen.“
Ihm gegenüber zuckte Beckett gleichmütig mit der unverletzten Schulter, während seine Finger endlich auf das stießen, wonach er gesucht hatte.
„Eigentlich“, erwiderte er lakonisch. „Waren die zwei Dollar der Gewinn aus einer Wette.“
„Welcher Wette?“, fragte der Junge leidlich interessiert.
„Der um meinen ersten Mord“, entgegnete der Jäger und drückte den Lichtschalter nach unten.
„Du weißt, dass du unwahrscheinliches Glück hattest?“
„Mhm.“
„Etwas tiefer und du hättest mehr als eine Fleischwunde zu beklagen.“
„Mhm.“
„Was doch die Frage nach dem Warum aufwirft.“
„Das Übliche.“
„Oh, eine Quasselstrippe.“
„Mhm.“
Beckett saß auf einem der wackligen Hocker mitten in Abbys schlagartig leer gewordener Kneipe. Ärger von der Art, der Schusswaffen und Jäger beinhaltete, war grundsätzlich bestens dafür geeignet, selbst den belebtesten Schuppen innerhalb von Sekunden zu räumen.
Abby selbst schien es nicht sonderlich zu stören. Seelenruhig ließ sie ihre Hände über Becketts bloße Schulter wandern und inspizierte die Wunde mit dem Geschick einer erfahrenen Krankenschwester. Ihr Patient mochte die Berührung nicht sonderlich. Da die Besitzerin der Bar aufgrund ihres fehlenden Sehvermögens aber auf ihren Tastsinn angewiesen war, ließ er sie gewähren. Als Ex-Cop kannte sie sich mit Schusswunden aus, auch wenn sie und Beckett manchmal unterschiedlicher Meinung waren, was die Ernsthaftigkeit der Wunde betraf. Wie jetzt einmal mehr, als Abby feststellte:
„Du solltest unbedingt einen Arzt damit sehen, Beckett.“
Ein teilnahmsloses:
„Mhm“, war alles was sie als Antwort erhielt.
Der Jäger wusste, dass die Besitzerin des ‘bookshop‘ eine merkwürdig altmodische Vorstellung von Ärzten hatte. Überbleibsel alter Zeiten, in denen es noch so etwas wie Ethos gegeben hatte. Abbygail Walters war wandelnde Prä-GAU-Nostalgie. Hinter ihrer Stirn, die zum größten Teil von einer gewaltigen schwarzen Sonnenbrille bedeckt war, war es noch immer DAMALS. Beckett, der der Realität sehr viel näher stand, wusste, dass es nur noch drei Arten von Ärzten gab. Die, die zum Syndikat gehörten, die, die zu Helena Goodwyn gehörten und die, die in dreckigen, rattenverseuchten Hinterhöfen mit Zangen und rostigen Schraubenziehern praktizierten. Er persönlich hielt sich von allen drei Kategorien so lange wie möglich fern. Noch dazu hatte Abby bereits begonnen, ihn mit ein paar der alten, aber sauberen Mullbinden die sie immer für Notfälle bereit hielt, zu versorgen. Das genügte Beckett für eine Sache wie diesen glatten Durchschuss.
Bevor die Barkeeperin die Gelegenheit dazu bekam, weiter auf dem Thema herum zu reiten, wurde sie von einem Rumpeln abgelenkt, dass aus Richtung des Waschraumes kam.
„Verdammt, musstest du ihn gleich umlegen?“, verlangte der Verursacher des Lärms, hörbar schlecht gelaunt, zu wissen. Ein hübscher, schwarzhaariger Teenager erschien in der zerstörten Tür des Waschraums. Vergeblich bemühte er sich Baruths Leichnam heraus zu zerren. Sein Gesicht war schon vollkommen rot vor Anstrengung.
„Ryan, Junge, was tust du da?“, fragte Abby stirnrunzelnd in seine Richtung. Den Kopf in einer vogelähnlichen Geste leicht schräg gelegt, lauschte sie der geschnauften Antwort.
„Uns ein Problem vom Hals schaffen, Abby. Wir können den Sack ja hier schließlich nicht rumgammeln lassen. Wenn der noch einen großen Bruder hatte sind wir im Arsch. Nur weil Mr. warum-bewusslos-schlagen-wenn-ich-ihm-auch-das-Genick-brechen-kann, sich nicht bremsen konnte.“ Sprachs, warf Beckett noch einen giftigen Blick zu und verschwand wieder im Waschraum.
Der Jäger sah ihm gleichgültig hinterher.
„Du weißt, dass du ihn nicht hier behalten musst“, sagte er an Abby gewandt.
Er war vor etwas mehr als zwei Monaten hier aufgetaucht und hatte den schwer angeschlagenen Jungen bei ihr abgeliefert. Es waren weniger physische Probleme gewesen, die Ryan nach seiner Begegnung mit Doc Jennings zu schaffen gemacht hatten. Aber Beckett hatte gewusst, dass der Junge die Gelegenheit für ein Drama nicht ungenutzt verstreichen lassen würde. Und er selbst hatte weder Zeit, noch Lust gehabt, sich damit auseinander zu setzen. Andererseits war er auch nicht bereit gewesen den besten Empathen der Stadt an ein posttraumatisches Stress-Syndrom zu verlieren. Also hatte er ihn in Abbys Obhut gegeben. Sie wusste, wie man mit Kids wie ihm umging und neigte, anders als Helena, nicht zur Gehirnwäsche.
Wie erwartet war der Plan aufgegangen. Genau genommen sogar besser als erwartet, denn Ryan schien nicht im Traum daran zu denken, das ‘bookshop’ je wieder zu verlassen. Was Abby betraf – sie lächelte und gab Becketts unverletzter Schulter einen freundschaftlichen Klaps, bevor sie sich an den Tischen entlang in Richtung des Waschraums vorantastete.
„Kleiner, das ist ja sehr ritterlich von dir“, rief sie in das fortgesetzte Fluchen ihres Schützlings hinein. „Aber du kannst es gut sein lassen. Ich hab’ jemanden zu den Cops geschickt als der ganze Zauber losging. Sie müssten eigentlich jeden Moment hier sein.“
Ryan ließ die Beine des Toten los, steckte den Kopf durch die Tür und warf Beckett einen schicksalsergebenen Blick zu. Es war eine dieser seltenen Gelegenheiten, bei denen sie sich verstanden, ohne miteinander zu sprechen.
So großartig Abby sein mochte, aber ihre Angewohnheit, Jackson Wexlers Jungs als Polizisten zu betrachten, hatte etwas hoffnungslos euphemistisches. Die Truppe ihres Ex-Partners nämlich unterschied sich weder in Bewaffnung, noch in ihren Methoden sonderlich von den Gangs, die sie im Auftrag des New Jasminer-Syndikats unter Kontrolle hielten.
Doch wie sie die Veränderung der Stadt im Allgemeinen ignorierte, so schien die Besitzerin der Bar auch den Wandel der in Jasmin lebenden Menschen nicht bemerkt zu haben. Und die meisten Leute spielten die Scharade dankbar mit. Betraten sie die Bar, ließen sie die Person, die sie den ganzen Tag lang waren einfach zurück. So wie man einen Mantel an der Garderobe abgibt. Hier drinnen war egal was man draußen tat, um zu überleben. Hier drinnen wurde man für Abby zu dem Menschen, der man vor dem GAU gewesen war oder ohne ihn geworden wäre. Der Mensch, den sie gekannt hatte oder der, den sie gemocht hätte.
Weshalb es nicht mal unwahrscheinlich war, dass sich Jacksons Jungs, sobald sie hier auftauchten, tatsächlich ein bisschen wie die Cops aufführen würden, die sie schon lange nicht mehr waren. Sie würden mit Abby über vergangene Zeiten plaudern, scherzen, und sich dann die Leiche ansehen, um einer alten Freundin zuliebe so zu tun, als interessiere sie ernstlich ob Beckett in Notwehr gehandelt hatte oder ob in China ein Sack Reis umfiel. Das war nun mal Abbys Begabung. Eine die allerdings nicht ausreichte, um Wexler in persona herbei zu beschwören. Er mied die Bar und ihre Besitzerin so gut es ging und so würde Abby einmal mehr vergeblich in den Raum lauschen, wann immer eine Pause zwischen den Witzeleien entstand. Warten auf schwere, schleifende Schritte die für ihren Ex-Partner inzwischen so typisch waren. Und mit jeder verstreichenden Minute würde ihr Lächeln ein wenig mehr verblassen, bis sie die Hoffnung schließlich ganz aufgab. Für dieses Mal zumindest.
Die Stadt war ungewöhnlich still als Beckett sich auf den Heimweg machte.
Eine Hitzewelle hielt Jasmin seit mehr als zwei Wochen im Griff und verbreitete allgemeine Lethargie. Nur wenige Händler waren auf den Strassen unterwegs, von deren Asphalt die Hitze des Tages noch immer mit aller Gewalt abstrahlte und einem die bloße Haut zu versengen schien.
Ein paar vereinzelte Huren und Stricher lehnten mit Minen, noch apathischer als üblich, an den Häuserwänden und betrachteten, sichtlich desinteressiert, die wenigen Passanten. Es waren kaum Freier darunter. Die hatten sich, wie die meisten anderen Bewohner der Stadt, vor der drückenden Schwüle in ihre Häuser und Wellblechhütten geflüchtet, in denen es aber selten kühler war als in einem Backofen.
Auch Beckett selbst verspürte keine gesteigerte Lust darauf, in seinem Apartment im eigenen Saft zu schmoren, doch sein Körper begann langsam, die Wunde und den Blutverlust zu bemerken. Der Schockzustand, der die Schmerzen bis jetzt fern gehalten hatte, ließ nach und sein Kreislauf fing an schlapp zu machen. Was dazu führte, dass dem Jäger trotz der brüllenden Hitze so kalt war, dass er sich in seinen Mantel wickelte. Er brauchte dringend Schlaf.
Den er nicht bekommen würde. Nicht, wenn er den Gesichtsausdruck des Jungen, der auf den Stufen des Hauses in dem er wohnte, wartete, richtig deutete. Beckett kannte ihn. Und selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ihm die Kleidung seines Besuchers, graue Weste, dunkle Leinenhose und ein schwarzer Hut, der auf den Stufen neben seinem Besitzer lag, verraten, dass der zu den Josua-Adventariern gehörte. Und damit eigentlich nach Grand Valley. Abgeschottet vom Rest der Welt, wie seine gesamte Gemeinde.
Dass er jetzt hier war, bedeutete nichts Gutes. Der Jäger ahnte bereits, um was es gehen würde, noch bevor der Junge den Mund aufmachte und sagte:
„E-es tut mir schrecklich leid Sie zu stören, Mr. Beckett. A-aber da ist etwas mit Grace passiert – etwas … etwas ist ganz schrecklich schief gelaufen.“
2.
Einmal im Jahr lieh Beckett sich einen von Wexlers gepanzerten Pick-Up Trucks, belud ihn mit Wasser und Treibstoff und fuhr gen Westen.
Das Tal lag zwei Tagesreisen von Jasmin entfernt und war über den ehemaligen Highway dreiundzwanzig zu erreichen. Theoretisch kein Problem. Theoretisch einfach nur eine lange Fahrt. Aber wie so vieles hatte der GAU auch hier der Theorie eine vollkommen anders geartete Praxis entgegen gesetzt.
Der ehemals schnurgerade, spiegelglatte Highway, zog sich wie ein mottenzerfressenes Leichentuch durch die Landschaft. Die riesigen Schlaglöcher wurden nur halbwegs vom Sand gefüllt, den ein scharfer Westwind aus der umliegenden Wüste herantrieb. Wie die Schlaglöcher im Asphalt gehörte auch diese, den Highway einrahmende, Wüste zu den ‘Errungenschaften’ der Post-GAU Moderne. Im Grunde war der wenig einladende Landstrich um Jasmin City nicht mal eine Wüste im klassischen Sinn.
Mit jedem Wetterwechsel veränderte diese Ödnis nämlich ihr Kleid. War mal ein einziger riesiger Moorgürtel, schlammig und unpassierbar. Oder aber Tundra kalt und steif gefroren. Und manchmal war sie so wie jetzt. Staubig trocken; der ausgedörrte Boden rissig wie die Oberfläche eines fremden Planeten. Nur eins blieb sich gleich, egal welches Gesicht das Ödland gerade zeigte. Es war ein Totes, Steriles. Eines auf dem nichts gedeihen konnte. Weder Pflanzen noch Tiere. Zwischen Jasmin City und dem Tal gab es nur noch ein alles verschlingendes schwarzes Loch.
Die einzigen Menschen auf die man hier draußen treffen konnte, waren Leute auf die in den Städten ein zu hohes Kopfgeld ausgesetzt war. Sie flohen in die Wüste und kamen in der Regel darin um, noch bevor ein Jäger sie aufspüren konnte. Oder die Wanderer. Ödnisnomaden, die in Clans zusammenlebten denen man besser aus dem Weg ging. Tat man es nicht, steckte man schnell bis zum Hals in der Scheiße. So wie Beckett und sein Begleiter jetzt.
„Herr im Himmel, die sind viel zu schnell“, rief der Junge hektisch. Rote Flecken überzogen sein gesamtes Gesicht während er ziemlich halbherzig auf eines der vier Motorräder zielte, die sie verfolgten.
„Was du nicht sagst“, gab Beckett knapp zurück und riss in einem fruchtlosen Versuch, einen der schweren Chopper von der Strasse zu drängen, das Lenkrad hart nach links. Der Fahrer war geschickt und wich aus, noch bevor der Kotflügel seine Maschine auch nur streifen konnte. Alles was dem Jäger blieb war der bemerkenswerte Schmerz, mit dem seine verletzte Schulter sich für das Manöver bedankte. Er fluchte zwischen zusammengebissenen Zähnen und versuchte einem der Bienenstachel auszuweichen, den ein zweiter Wanderer auf die Reifen des Pick-Up schoss. Die Biester waren eine tückische kleine Erfindung. Spitze, pfeilartige Geschosse, die dazu bestimmt waren, die Reifen der Farmertrucks zum Platzen zu bringen, die alle zwei Monate das Tal in Richtung Jasmin verließen.
Mit einem dieser Trucks war der Junge gekommen. Heimlich, ohne Erlaubnis seines Ältesten. Doch offensichtlich hatte er von den Fahrern nicht viel gelernt, denn er schoss mit der Zögerlichkeit eines Menschen, der noch nie eine Waffe gegen einen anderen Menschen gerichtet, geschweige denn abgefeuert hatte. Auf die Art verschwendete er lediglich Munition. Doch Beckett hatte andere Probleme als ihm den Umgang mit einem Gewehr beizubringen.
Es war heiß und stickig im Innern des Wagens. Schweiß rann über seine Stirn und brannte in den Augen. Seit guten fünf Meilen klebten die Wanderer jetzt schon an ihnen und der Jäger wusste, dass er hier auf verlorenem Posten kämpfte, denn der Highway war ihr Territorium. Sie kannten jedes Schlagloch in dieser verdammten Strasse, die sich wie ein endloses, ausgeblichenes Band durch die karge Landschaft schlängelte. Hier gab es keine Schlupfwinkel, keine anderen Fahrzeuge, zwischen denen man die vier loswerden konnte und früher oder später würden sie die Reifen erwischen. Sie waren schneller, geschickter und sehr viel erfahrener als er.
Die Tachonadel zitterte sich auf 130 Meilen die Stunde zu, als Beckett eine Entscheidung traf. Mit etwas Glück konnte er ihnen noch ein paar Meilen lang ausweichen, dann würden sie den Wagen aufbringen. Wanderer machten keine Gefangenen. Sie legten um, was ihnen in den Weg kam und nahmen dann alles mit was sie gebrauchen konnten. Beckett für seinen Teil hatte keine Lust darauf zu warten. Wenn er sie loswerden wollte, dann hatte er nur eine Chance. Er musste von der Straße runter.
„Halt dich fest“, war die einzige Warnung, die er dem Jungen auf dem Beifahrersitz zugestand, bevor er aus voller Fahrt auf die Bremse trat. Der Pick-Up bockte und vollführte eine Hundertachtziggrad-Drehung. Gelblicher Staub wirbelte in einer dichten Wolke um ihn herum auf. Schlierenhaft, fast wie Phantome, schossen die Biker an ihnen vorbei, zu schnell, um im gleichen Moment reagieren zu können. Die Fliehkraft hob die beiden Insassen des Trucks fast aus ihren Sitzen. Becketts Halswirbel gaben ein hässliches Knacken von sich. Neben ihm machte der Junge ein Geräusch als müsse er sich gleich übergeben. Das Gewehr war ihm aus den Händen gerutscht. Viel nutzloser als vorher war es nun auch nicht.
Der Jäger wartete nicht erst, bis einer von ihnen sich erholt hatte, sondern gab Gas, dass die Reifen quietschend durchdrehten. Verfolgt von einer Sandfahne und den vier Bikern, die sich ziemlich schnell von ihrer Überraschung erholt hatten, jagte der Pick-Up auf die weite Ebene zu, die sich zu beiden Seiten des Highways erstreckten.
Die schweren Chopper der Wanderer waren nicht weniger geländegängig als sein Wagen. Sie holten schnell auf, der erste Stachel flog schon wider auf den Pick-Up zu. Metall schrammte über Metall, Funken sprühten im grellen Sonnenlicht als der Pfeil über das heiße Blech des Wagens kratzte. Zu hoch gezielt, um das eigentliche Ziel zu treffen, für Becketts Geschmack aber schon nahe genug an den Reifen. Er scherte mit einem Ruck nach links aus und trat das Gaspedal bis zum Boden durch. Mit einem Satz sprang der Pick-Up regelrecht nach vorne und riss fast noch einen der Biker mit sich. Der aber konnte im letzten Moment zur Seite abdrehen.
Die anderen drei lernten schnell, sie hielten sich etwas zurück und gaben dem Jäger so den benötigten Freiraum zum Manövrieren. Ab allerdings ließen sie damit noch lange nicht. Statt dessen nahmen sie den Wagen in Viererformation in die Zange. Und sie änderten die Taktik. Anstatt weiter auf die Stachel zu setzen, stiegen sie auf APIs um. Munition, die sie sonst für die Jagd auf die Geleitbuggys der Farmertrucks benutzten. Drei-Zentimeter-Monster, deren harter kleinerer Kern die meisten Panzerungen wie Butter durchschlug, wenn sie denn aus geeigneten Geschützen abgefeuert wurden. Aber irgendwann musste unter den Wanderern mal ein beschissener Leonardo da Vinci der Waffenschmiedekunst gelebt haben, der dafür gesorgt hatte, dass die Bikes seines Clans mit schweren, mehrläufigen Gewehren ausgerüstet waren.
Die Dinger konnten praktisch alles abfeuern, hatten aber den Nachteil, dass der Schütze sich nicht mehr aufs Fahren konzentrieren konnte, musste er sich dazu doch im Sattel umdrehen. Ein weiterer Grund aus dem diese Jungs nur im Rudel auftraten. Mit der Effizienz eines eingespielten Teams schlossen sie sich in Doppelgruppen zusammen. Einer übernahm, zusätzlich zum Lenken der eigenen Maschine, auch noch das Bike seines Partners, während der sich bei hundertvierzig Sachen im Sattel drehte und die Waffe bediente.
Als die erste Kugel einschlug, rutschte der Junge auf dem Beifahrersitz eine Etage tiefer und begann mit zitternder Stimme und geschlossenen Augen zu beten. Beckett ließ ihn machen. Er hatte genug damit zu tun, den Wagen so zu steuern, dass die Kugeln nicht die drahtverstärkten Fenster treffen konnten. Solange er dafür sorgte, dass er schwer zu erwischen wäre, solange würden die Typen da draußen aufpassen, dass sie nichts wirklich Wichtiges zerstörten. Sie waren sparsam. Den Pick-Up in die Luft zu jagen brachte ihnen nichts. Immerhin hatten sie deshalb und wegen des Treibstoffes, den jeder mit sich führte, der so einen Trip durch die Ödnis wagte, überhaupt erst angegriffen. Um hier draußen zu überleben musste man mit den Sachen die man hatte haushalten. Ein Totalausfall war ein nicht hinnehmbarer Verlust.
Beckett nutzte die winzige Chance. Immer wieder brach er zu einer der Seiten aus. Eingeschränkt in ihrer Mobilität kamen die Biker so kaum dazu vernünftig zu zielen und er sah zu, die Schnauze des Wagens immer so weit wie möglich vor ihnen zu halten. Auf die Dauer allerdings, das war spätestens klar als eine Kugel keine zwanzig Zentimeter hinter ihm in die Kabinenpanzerung zerfetzte, würden sie das nicht durchhalten. Ein schmaler, dunkler Fleck der mit einem Mal am Horizont auftauchte und mit jedem Meter, den sich der Pick-Up durch den Staub voranfraß größer wurde, deutete an, dass sie das auch nicht mehr lange mussten.
Vor zwanzig Jahren war der Gürtel um Jasmin-City ein blühender, dicht besiedelter Landstrich gewesen. Mit allem drum und dran. Gut ausgebauter Infrastruktur, kleinen Orten und Farmen und nur ab und an von unberührter Natur belästigt. Dann kam der GAU und fast alles was ihn überlebte, hatte sich in die paar großen Städte zurückgezogen, die nicht vollständig zu lebensfeindlichem Gebiet geworden waren. Zurückgeblieben waren die kleinen Orte, die Farmen, die Infrastruktur. Verlassen, dem Verfall anheim gegeben, der hier noch schneller als anderswo sein Recht forderte. Über kurz oder lang würde nichts mehr daran erinnern, dass hier mal Menschen gelebt hatten. Noch allerdings gab es sie, die Überreste einer untergegangenen Zivilisation. Voller Ecken und Winkel. Ein hartes Grinsen erschien auf Becketts Gesicht.
Zeit den Spieß umzudrehen.
Er holte das letzte aus dem Wagen heraus, als er ihn zielgerichtet, immer wieder den Angriffen seiner Verfolger ausweichend, auf den dunklen Fleck zujagte. Neben ihm war der Junge wieder etwas höher gerutscht. Er linste über das Armaturenbrett.
„Was haben Sie vor?“, rief er über das Gebrüll des heiß laufenden Motors hinweg.
Beckett nahm sich nicht die Zeit, ihm zu antworten.
*
Den ersten erwischte es, weil er besonders clever sein wollte.
Mitsamt seinen Verfolgern im Schlepptau hatte Beckett die Gebäudeansammlung erreicht, die aus der Ferne so vielversprechend ausgesehen hatte. Schon beim Näherkommen war deutlich geworden, dass es nicht die erhoffte Geisterstadt war, sondern lediglich eine Farm, die früher der Massentierhaltung gedient haben musste. Lange, verwitterte Lagerhallen und Schuppen, reihten sich aneinander. Ställe die in stinkender Dunkelheit tausende Tiere, eng aneinander gepfercht, beherbergt haben mussten. Selbst jetzt, da ihre Dächer von Wind und Wetter wegerodiert waren, war es kaum heller in ihrem Innern.
Der Jäger war gerade erst scharf um eine Kurve gebogen, als einer der Wanderer an ihm vorbeizog und eine der Rampen herauffuhr, die von einer Lagerhalle zur rechten des Pick-Ups abgingen. Vielleicht wollte er sich eine bessere Schussposition verschaffen, vielleicht war ihm auch nur noch nicht klar geworden, dass sein Opfer grundsätzlich jede Möglichkeit wahrnahm, einen Gegner zu erledigen, egal wie unelegant sie auch sein mochte, Beckett scherte sich nicht um die Motivation des Bikers. Worum er sich kümmerte, war die Tatsache, dass die Rampe nur noch aus wurmstichigem Holz und ein paar rostigen Eisenstangen bestand. Sie schien schon kaum noch das Gewicht des Wanderers tragen zu können. Mehr Einladung benötigte der Jäger nicht, um seinen Wagen mitten durch die Rampe fahren zu lassen.
Er sah nicht nach, was mit dem Biker geschah als das Holz splitternd nach allen Seiten brach. Ein Schrei gellte in seinen Ohren, aber er kam nur von dem Jungen neben ihm, der sich mit weiß hervortretenden Fingerknöcheln an seinem Sitz festklammerte. Etwas traf die Ladefläche des Wagens mit einem dumpfen Schlag. Ein Trümmerteil vermutlich. Oder vielleicht auch der Körper des Wanderers. Wen kümmerte es. Nicht Beckett, der den Pick-Up weiter beschleunigte und um die nächste Ecke schleudern ließ.
Nur noch drei.
Seit der Einfahrt in den Hof hatten seine Verfolger ihre Strategie aufgeben. Jetzt schien ihnen einfach nur noch daran gelegen, ihre Beute erneut auf offenes Gelände zu drängen. Immer wieder attackierten sie den Wagen von einer Seite, versuchten ihn auf diese Weise abzudrängen. Beckett dachte nicht im Traum daran, er steuerte rücksichtslos dagegen, gab ihnen nicht mehr die Zeit, sich zu formieren oder ihre Waffen einzusetzen. Im Zickzack durchbrach er jedes Mal ihre Reihen. Und es war nur ihrem Geschick zu verdanken, dass er den Zweiten nicht schon da erwischte, sondern erst in einem der Ställe.
Während er das erste Mal an den sauber nebeneinander hochgezogenen Gebäuden entlag gerast war, war ihm eine Idee gekommen, die er nun umzusetzen gedachte. Ohne zu Zögern durchbrach er mit seinem Wagen das windschief in den Angeln hängende Tor eines der Ställe und fuhr in die Dämmerung dahinter. Wie erwartet folgten ihm die Wanderer und jagten den Wagen den schmalen Mittelgang zwischen den Pferchen hinunter. Dort, an dessen Ende, befand sich ein zweites Tor, nicht weniger instabil als das erste. Der Pick-Up hatte keine Probleme damit. Noch bevor Beckett den Stall gänzlich verlassen hatte, riss er den Lenker herum. Und erwischte den zweiten Wanderer kalt. Denjenigen, der ihm am dichtesten auf den Fersen gewesen war. Der Wagen vollführte eine Neunzig-Grad-Drehung und blieb einen Moment lang stehen. Vollkommen unvorbereitet krachte der Fahrer aus voller Fahrt gegen die Motorhaube des Pick-Up. Sein Chopper bäumte sich nach hinten auf und katapultierte den Biker in hohem Bogen über die Schnauze des Wagens hinweg.
„Oh, großer Gott“, entfuhr es dem Jungen auf dem Beifahrersitz und wenn Beckett sich nicht täuschte, klang er mitleidig. Trotz der Tatsache, dass der Aufprall sie selbst gerade ziemlich heftig durchgeschüttelt hatte. Nun, alles war okay, solange er noch Kinder schocken konnte, richtig? Er startete wieder durch. Zwei erledigt, blieben noch zwei.
Über den Chopper hinwegrollend sah er zu, dass er von den beiden anderen Fahrern wegkam. Die aber schien das Ausscheiden ihrer beiden Gefährten erst richtig anzuspornen und Beckett war sich nicht länger sicher, dass sie ihn nicht einfach nur in die Luft jagen würden, wenn sie jetzt die Gelegenheit dazu bekamen. Eine Gelegenheit, die sie vielleicht auch bekommen hätten, wenn Beckett nicht der Zufall zu Hilfe gekommen wäre und den dritten Fahrer aus dem Verkehr gezogen hätte.
Der nämlich versuchte einmal mehr, den Pick-Up mit einem Bienenstachel auszuschalten. Sein Opfer erahnte das Manöver durch einen Blick in den Rückspiegel und wich zur Seite aus. Das Geschoss verfehlte sein Ziel, erwischte dafür aber einen Stapel alter, rostiger und vom Sand bedeckter Metallflaschen, die vor dem Eingang einer heruntergekommenen Baracke lagerten und mal irgendein Gas enthalten haben mussten. Was auch immer genau in den Dingern drin gewesen sein mochte, der lange Aufenthalt im Freien schien es nicht gerade ungefährlich gemacht zu haben. Der Effekt jedenfalls war spektakulär. Kaum hatte der Stachel die Metallhülle durchschlagen, da löste sich eine der Flaschen mit giftigem Zischen vom Stapel und schoss wie ein Torpedo, über den rissigen Betonboden, auf den Wanderer zu. Der allerdings war zu nahe dran, um noch auszuweichen. Das Geschoss zerfetzte seinen Chopper regelrecht. Was mit ihm selbst geschah sah Beckett schon nicht mehr, denn er war bereits weiter gefahren.
Ein paar hundert Meter schließlich brachte er den Wagen auf offener Fläche zum Stehen. Sein Beifahrer starrte ihn mit offenem Mund an, als hätte er den Verstand verloren. Der Jäger ignorierte ihn und starrte den letzten der Wanderer an, der jetzt ebenfalls sein Bike bremste und knappe zehn Meter vor dem Pick-Up anhielt. Verkehrt herum, so dass die Mündung des Gewehres auf den Wagen zielte, wartete er ab was als nächstes geschehen würde. Beckett hatte seinerseits die Waffe vom Boden aufgehoben und den Lauf durch die schießschartenartige Öffnung im Gitter der Frontscheibe geschoben. Sie war kaum zu übersehen und eindeutig auf den Chopper des Wanderers gerichtet.
Sekunden schienen sich zu Minuten zu dehnen während die beiden Kontrahenten sich gegenseitig belauerten. Den Finger am Abzug, die Augen zu Schlitzen zusammengepresst, gegen die blendenden Strahlen der unbarmherzigen Sonne. Es war das erste Mal, dass der Jäger die Gelegenheit bekam einen seiner Verfolger aus der Nähe zu betrachten. Nicht älter als Mitte zwanzig, schulterlanges, dunkles Haar, mager und wild wie ein tollwütiger Kojote.
Sie war nicht mal hässlich. Aber gefährlich wie alle Clanmädchen.
Es kam ganz darauf an. Drückte sie ab, um ihre Gefährten zu rächen, dann war es vorbei. Die Kugel würde den Tank zerreißen. In der Explosion würden sie alle zugrunde gehen. Keine Chance, dass er sie erwischte, bevor sie den Abzug betätigen konnte. Also wartete er. Solange, bis der Junge nervös zu werden begann.
„Bleib ruhig“, knurrte Beckett ihn an. Er wusste, dass die Frau vor ihnen jede Bewegung genau beobachtete, während sie ihre Möglichkeiten durchspielte. Auch wenn sich in ihrer Miene nichts rührte; sie brannte geradezu darauf sie alle zusammen zur Hölle zu schicken. Wanderer waren fast schon unvernünftig stolz und Blutrache machte einen zentralen Punkt ihrer Lebensphilosophie aus. Auf der anderen Seite waren sie auch abergläubig wie alle vernunftbegabten Wesen, die der Natur auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Und ihr größter Aberglaube besagte, dass ein Wanderer nicht später als bis zum Sonnenuntergang seines Todestages beerdigt sein musste, wenn sein Geist nicht dazu verdammt sein sollte, bis in alle Ewigkeit durch die Ödnis zu streifen.
Ein dünnes Lächeln zuckte um Becketts Mund. Er wusste, dass sie an ihre gefallenen Kameraden dachte. Daran, dass ihre Leute sie niemals vor Sonnenuntergang finden würden, um sie zu bestatten. Dass sie vermutlich die Einzige war, die ihnen die Chance auf die ewige Freiheit gewähren konnte. Wenn sie hier starb, würde sie nicht nur sich, sondern ihr Team für alle Zeiten verdammen. Kein schöner Tausch für ein bisschen Rache, wenn man ein Wanderer war.
Mit einem knappen Nicken, gab sie schließlich stumm zu verstehen, dass sie in einen Waffenstillstand einwilligte. Dann wandte sie sich ab und startete mit steifen Bewegungen ihren Chopper. Beckett und sein Begleiter sahen ihr nach, bis sie hinter einem der Schuppen verschwunden war. Der Junge, sein Name war Ely, seufzte auf und rutschte im Sitz herunter als hätte ihm jemand die Luft rausgelassen.
„Meine Güte, das war …“, begann er und schüttelte dann matt den Kopf. „Was … was machen wir jetzt?“
Beckett ließ den Motor an. Ohne den Blick von dem Punkt zu nehmen, an dem die Wanderin verschwunden war, erwiderte er ausdruckslos:
„Abhauen, bevor die Trauergäste eintrudeln.“
*
„Wo ist sie?“
Die dürre, mausgesichtige Frau schaute drein als hätte sie gerade den Teufel auf ihrer Türschwelle erblickt. Vermutlich hätte nicht viel gefehlt und sie hätte sich bekreuzigt. Doch sie riss sich gerade noch zusammen.
„Mr … Mr Beckett“, stieß sie hervor und ließ die Kartoffel die sie gerade schälte in die Emailleschüssel fallen, die auf dem Tisch vor ihr stand. „Wir, nun, wir haben noch nicht so früh mit Ihnen gerechnet dieses Jahr.“
Ja, darauf hätte Beckett gewettet.
Ihr Blick flog zu dem Jungen, der hinter dem Jäger durch die Tür trat.
„Ely“, sofort wechselte ihr Tonfall von verwirrt zu kühl. Ein einziges Wort, das ziemlich viel verriet. Darüber, was der Junge wirklich riskiert hatte, als er davongeschlichen war, um den Mann zu holen, der jetzt hoch wie ein Turm über der schmächtigen Frau aufragte. Und darüber was ihn vermutlich erwartete, wenn der Jäger erst wieder fort wäre.
„Mutter“, gab Ely zurück. Leise aber entschlossen, fast trotzig. In diesem Moment lief ein ganzer stummer Dialog zwischen den beiden ab. Einer an dem Beckett herzlich wenig interessiert war. Er war übermüdet, stank und hatte einen vor Schmerz tauben, linken Arm. Die letzten vierundzwanzig Stunden war er durchgefahren, um den Wanderern nicht noch Gelegenheit zu geben, sich für die Pleite auf der Farm zu rächen.
„Wo. Ist. Sie?“, wiederholte er kalt. Es genügte, um deutlich zu machen, dass er nicht noch einmal fragen würde. Elys Mutter kniff die Lippen zusammen und sah dann auf die Kartoffelschüssel heran.
„In ihrem Zimmer“, antwortete sie knapp.
Beckett beachtete sie nicht weiter. Gefolgt von dem Jungen, durchquerte er die schmucklose Wohnstube des kleinen Hauses, folgte einem düsteren Korridor bis zum Ende und stieg schließlich eine grob behauene Holztreppe bis zum Dachboden hinauf. Er öffnete die Tür und trat in den Raum dahinter.
Hier oben staute sich die Hitze und auch das offene Dachfenster änderte nichts daran. Es fühlte sich an wie in einer Sauna. Mit schnellen Blicken unterzog der Jäger die winzige Kammer einer Musterung. Trostlos, aber sauber. Das Feldbett unter dem Fenster war ordentlich gemacht, der Boden gefegt, es lagen keine Sachen herum. Jemand hatte einen Teller mit Nahrung auf einen kleinen Tisch gestellt. Direkt neben das Geschirr das für die Puppen aufgebaut worden war, die sich auf zwei Holzstühlen gegenüber saßen.
Das Essen war nicht angerührt worden.
„Im Schrank“, flüsterte Ely hinter Beckett und deutete über seine Schulter auf das altmodische, schwere Holzmöbel an der gegenüberliegenden Wand des Zimmers. Der Hinweis war unnötig, Grace hatte sich schon immer in Schränken versteckt. Als ob niemand sie dort finden konnte.
„Verschwinde“, erwiderte der Jäger und warf dem Jungen die Tür vor der Nase zu.
Abgesehen vom aufdringlichen Zirpen der Zikaden das durch das Fenster hereindrang, war es jetzt totenstill in dem kleinen Raum. Beckett wartete noch einen Moment, bevor er sich in Bewegung setzte und das Zimmer mit wenigen Schritten durchmaß. Vor dem Schrank hielt er noch für einen Augenblick inne. Er war sich nicht sicher was genau ihn erwarten würde. In welchem Zustand sie sich jetzt tatsächlich befand. Der Junge, Ely, hatte sie vor fünf Tagen das letzte Mal gesehen. In fünf Tagen konnte sich eine Menge ändern.
Schließlich öffnete der Jäger die Tür und spähte in das Dunkel dahinter. Dort, zwischen den Kleidern und Wintermänteln sah er eine zusammengekauerte Gestalt. Er seufzte, schob ein paar der Sachen beiseite und stieg ebenfalls in den Schrank. Die Tür ließ er nur einen Spalt breit offen. So, dass er sie im Zwielicht betrachten konnte. So, dass sie ihn im Zwielicht betrachten konnte.
Seine eigenen Augen musterten ihn, seine eigene Stirn legte sich verwundert in Falten. Eine Hand, seiner eigenen geradezu unheimlich ähnlich, wenn auch schmaler, rieb sich die Nase. Mit Genen war es eine merkwürdige Sache fand Beckett, jedes Mal wenn er Grace sah und einen Eindruck davon bekam, wie er ausgesehen hätte, wenn er mit zwei X-Chromosomen geboren worden wäre. Oder einer Seele.
„Hi, Gracie“, sagte er leise zu seiner Schwester.
„Hi, Jimmy“, nuschelte sie und zog unsicher die Nase hoch. Ihre Hände umklammerten ihre Knie. Was nicht so einfach sein konnte angesichts des gewaltigen Bauches, der sich unter ihrer Brust wölbte. Mindestens achter Monat.
Sie starrten sich weiter an. Die Hitze hier drinnen ließ Beckett den Schweiß in Strömen den Nacken herunterlaufen. Doch er wartete geduldig. Endlich, nach ein paar Minuten sagte Grace:
„Bist du wirklich Wirklich?“
Und Beckett erwiderte ruhig, was er immer erwiderte:
„Wirklich, wirklich, Gracie-Baby.“
Es zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Das Lächeln des Kindes, das im Körper der fünfunddreißigjährigen Frau steckte. Ein ehrliches Lächeln das sogar ihre Augen erreichte. Grace Beckett war die einzige Person, die ehrlich lächelte, wenn sie ihren Bruder sah.
„Siehst du, Agatha“, meinte sie selbstzufrieden zu einem dunklen Schemen, der neben ihr an der Wand des Schrankes lehnte und die Form jener Lumpenpuppe hatte, derentwegen Beckett das erste Mal in seinem Leben jemanden verprügelt hatte. „Ich hab’ dir doch gesagt, dass Jimmy kommen würde.“
Sie schob sich in Becketts Richtung und blieb kurz vor ihm hocken. Ihre Augen waren plötzlich dunkel und ungewohnt ernst.
„Du kannst doch machen, dass es aufhört oder, Jimmy?“, fragte sie vertrauensvoll. In ihrer Welt war ihr Bruder ein Gott, der alles konnte. Jemand, der andere Kinder davon abhielt, sie zu hänseln, der ihr ihre Lieblingspuppe wiederbrachte, wenn sie verschwunden war und ihren Lieblingsnachtisch besorgte, wenn es eigentlich nur Reispudding gab.
„Was denn, Gracie?“, fragte Beckett leise und strich ihr behutsam eine Strähne des blonden Haares aus der schweißfeuchten Stirn.
„Die Bauchschmerzen“, wisperte seine Schwester und deutete auf die beträchtliche Schwellung in ihrer Leibsmitte. „Manchmal tut es ganz fürchterlich weh und dann habe ich Angst.“ Mit großen Augen fixierte sie ihren Bruder als wolle sie ihm das Versprechen abringen, das er ihr unmöglich geben konnte.
„Nicht mehr lange, dann ist es vorbei“, antwortete Beckett mechanisch. Sie musste nicht wissen, dass die Schmerzen vorher noch sehr viel schlimmer werden würden als die verfrühten Wehen, die sie in Angst und Panik gestürzt hatten.
„Ehrlich?“, fragte Grace, obwohl sie schon längst überzeugt war. Jimmy log nie.
„Ehrlich“, erwiderte Beckett mit einem kleinen Lächeln.
Grace kam noch ein Stück näher und lehnte sich gegen ihn. Wie ein Katzenjunges, das Nähe suchte. Nur mühsam konnte ihr Bruder dem Impuls widerstehen, sie von sich zu stoßen. Es kostete ihn immer erhebliche Anstrengungen, seine angespannten Sinne unter Kontrolle zu bekommen, wenn er mit dem einzigen Menschen zusammentraf, dem er diese Art von Nähe gestattete. Langsam atmete er aus und legte seinen verletzten Arm um die schmalen Schulter seiner Schwester.
„Toll, dass du hier bist, Jimmy“, murmelte sie in den Stoff seines Hemdes und spähte neugierig durch den Spalt zwischen den Schranktüren hindurch.
„Alles wird gut, Gracie-Baby“, antwortete Beckett leise. Er starrte mit kaltem Blick in das Dunkel des Schrankes und wusste, irgendwo in diesem verschissenen Tal gab es jemanden, der seinen Besuch hier nicht überleben würde.
3.
„… nichts mit Rachel zu tun.“
„Mit was sonst, Ely? Reicht es nicht schon, dass du uns verraten hast. Musst du mir jetzt auch noch ins Gesicht lügen?“
„Sieh mich an, Vater! Denkst du, du hast mich so schlecht erzogen, dass ich es nötig habe, meine wahren Absichten zu verbergen? Dass ich ihn aus Rachsucht geholt habe? Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Wie lange wolltet ihr sie noch da oben in diesem Schrank hocken lassen? Bis sie vor Angst gestorben ist?“
„Glaubst du tatsächlich, dass dieser grobe, widerwärtige Klotz, dieser Pharisäer, ihren Zustand besser macht, Junge? Alles was er bringt ist Ärger und Zwietracht.“
„Ich finde Ely hat das Richtige getan, Vater.“
„Hat dich irgendjemand zum Sprechen aufgefordert, Matthew?“
„Jonah, bitte …“
Beckett trat von der letzten Treppenstufe herab von der aus er einen Teil der Diskussion verfolgt hatte, die zwischen den fünf Personen in der kleinen Wohnstube des Hauses stattfand. Mit einem emotionslosen:
„Ja, Jonah. Bitte…“, schlenderte er in den Raum, zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Die vier anderen Anwesenden ignorierend, konzentrierte er seine gesamte Aufmerksamkeit auf Jonah Seevers, der in persona Familienoberhaupt, Dorfpriester und Vorsteher einer Gemeinde, die auf den bedeutungsvollen Namen Arche hörte, vereinte. „Bitte erklär’ mir, wie es kommt, dass meine Schwester da oben hochschwanger in einem Schrank hockt. Und das, obwohl ich diesem Drecksnest jedes Jahr einen Haufen Kohle in den Hintern schiebe, nur damit ihr ein Auge auf sie habt.“
Der Jäger verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte den Ältesten.
Jonah Reeves war ohne Zweifel ein beeindruckender Mann. Hochgewachsen, knorrig wie ein alter Ahorn und so fest in seinem Glauben, dass nicht mal ein Hurrikan ihn ins Schwanken bringen konnte, starrte er Beckett aus funkelnden schwarzen Augen an. Er war wütend, keine Frage. Sein Pech, dass der Mann, dem sein Zorn galt sich selten um Ausstrahlung kümmerte. Beckett hatte viele beeindruckende Männer sterben sehen, die sich allein auf ihre Ausstrahlung verlassen und ihre Deckung vernachlässigt hatten. Einige davon durch seine eigene Hand. Hier in seinem kleinen Teich war Jonah Reeves ein großer Fisch, was ihn schnell vergessen ließ, dass dieser Teich nur ein Teil eines sehr viel größeren, sehr viel dreckigeren Gewässers war.
Jetzt warf er seiner Familie die aus Ely, Theresa und seinem ältesten Sohn Matthew bestand, einen knappen Blick zu und befahl ihnen barsch:
„Lasst uns allein!“
Keinem der drei schien die Anweisung sonderlich zu gefallen. Matthew, der etwas größer und kräftiger war als Ely, ansonsten aber sein gespucktes Ebenbild, blickte skeptisch zu Beckett. Sein kleiner Bruder hatte, so wie er aussah, auf einmal Angst vor der eigenen Courage. Weder er, noch Matthew fanden die Idee, ihren Vater mit dem im Grunde genommen Fremden alleine zu lassen, offensichtlich sehr berauschend. Was von deutlich mehr Grips zeugte als Jonah ihn im Moment bewies.
„Worauf wartet ihr?“, grollte der als er ihr Zögern bemerkte. Theresa war es schließlich, die ihre beiden Söhne mit einem fast unhörbaren Seufzen an den Schultern griff und zum Flur hinausschob. Beckett und Jonah starrten sich ausdruckslos an, bis sie das Klappen der Haustür hörten. Kaum dass sie alleine waren, verschränkte der Gemeindevorsteher seine Arme ebenfalls vor der Brust.
„Warum bist du hier?“, fragte er abweisend.
Der Jäger zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Das sollte ziemlich offensichtlich sein, meinst du nicht?“, erwiderte er nicht minder kalt. „Dein Sohn tauchte auf meiner Türschwelle auf, um mir zu erzählen, dass meine Schwester seit drei Tagen weder isst, noch mit irgendjemanden spricht. Dass sie eine Panikattacke hätte weil sie … und jetzt kommt der beste Teil … unter verfrühten Wehen litte.“
„Das beantwortet meine Frage nicht“, gab Jonah zurück. Er ging in der kleinen Wohnstube auf und ab.
Beckett beobachtete ihn. Den großen Fisch. Den selbstgerechten Herrscher über seine Ecke des Universums, wie er durch das Zimmer tigerte. Vorbei an dem Menschen, der drohte das Gleichgewicht ins Wanken zu bringen.
„Nein?“
„Nein.“ Jonah blieb stehen und warf Beckett einen Blick zu in dem deutliche Verachtung geschrieben stand. „Du kümmerst dich doch auch sonst nicht um sie. Frönst deinen Lastern in diesem gotteslästerlichen Moloch im Osten und vergisst sie für ein Jahr lang. Wir sind es, die für sie sorgen, wenn es ihr nicht gut geht, wenn sie krank ist oder Alpträume hat. Dann sitzt Theresa an ihrem Bett, dann sprechen Ely oder Matthew ihr Trost zu. Von dir ist da nie auch nur eine Spur zu finden. Was also willst du jetzt hier, James?“
Es war eine von Jonahs bevorzugten Taktiken. Die Schuldmasche.
Beckett ließ der unverhüllte Vorwurf kalt. Er hatte sich schon vor sechzehn Jahren mit der Tatsache abfinden müssen, dass manche Dinge eben waren, wie sie waren. Dass er nicht der Bruder sein konnte und wollte, den Grace brauchte; dass seine Realität niemals ihre werden durfte. Noch dazu interessierte es ihn grundsätzlich nicht, was andere Leute, allen voran Jonah Reeves, von ihm und seiner Art zu handeln, hielten. Also erwiderte er, ohne auf die Anschuldigung des anderen Mannes zu reagieren:
„Ich weiß nicht, ob es dir schon aufgefallen ist, Jonah, aber eine Schwangerschaft ist was anderes als ‘ne Erkältung oder ein Traum vom Monster unter dem Bett. Vor allem, wenn’s jemanden betrifft, der sich alleine kaum die Schuhe zubinden kann.“
Die kalte Wut in seinem Innern ließ die Stimme des Jägers fast gefrieren als er schlussfolgerte:
„Einer von euch hat meine Schwester vergewaltigt und ihr habt einen Scheiß getan, es zu verhindern.“ Und damit zugelassen, dass Becketts Realität Grace einholte. „Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ich das ignorieren würde oder? Was hattet ihr vor, hm, Jonah?“ Die Mimik des Gemeindevorstehers ganz genau im Auge behaltend, schoss er ins Blaue hinein. „Wolltet ihr warten, bis sie das Kind bekommen hat und es dann weggeben? In der Hoffnung, dass sie den kleinen Zwischenfall vergisst oder ich ihr nicht glauben würde, wenn sie’s doch ausplappert? Weil sie ein Idiot ist?“
Sein Gegenüber musterte ihn mit störrischer Miene.
„Es wäre für alle das Beste gewesen“, behauptete er im Brustton der Überzeugung.
„Nein“, widersprach Beckett ihm augenblicklich. „Es wäre das Beste für dich gewesen. Also, wer war es?“
Man musste dem älteren Mann zugutehalten, dass er nicht leicht einzuschüchtern war. Statt den Blick abzuwenden, fixierte er den Jäger entschlossen und presste zwischen verkrampften Kiefern hervor:
„Das wissen wir nicht. Und wenn ich es wüsste, würde ich es dir auch nicht sagen. Ich lasse nicht zu, dass du meine Gemeinde in ein Schlachthaus verwandelst.“
Ein paar Sekunden lang maßen die beiden Männer sich in kaltem Schweigen. Sie wussten beide, dass Jonah praktisch keine Möglichkeit hatte, den Jäger an dem zu hindern, was er tun wollte. Das Überleben der Gemeinde hing von Becketts jährlichen Spenden ab. Der Boden hier war schlechter als im Rest der Gegend und so verdienten die Adventarier weniger aus den Ernten als die anderen Gruppen, die das Tal bevölkerten. Zwischen den Sekten gab es kaum Kontakt, allerdings stellten sie allesamt ein Kontingent das für die Verteidigung des Tals sorgte. Man schickte entweder seine Söhne oder Waffen. Jonah, lehnte es ab, die Jugend seiner Gemeinde in unnötigen Grenzscharmützeln mit Wanderern zu verheizen und erstand so jedes Jahr eine beträchtliche Anzahl von Waffen in Jasmin City. Hauptsächlich von Becketts Geld. Geld das der mit Taten verdiente, die der tiefgläubige Vorsteher aufs Schärfste verurteilte und trotzdem annahm, um seine Gemeinde am Leben zu halten. Die anderen Sekten nämlich duldeten keine Schmarotzer in ihrer Mitte. Jonahs Position war noch nie einfach gewesen und sie wurde durch Becketts Anwesenheit nicht einfacher.
Das Schweigen schien sich zwischen beiden auszudehnen und es war der Jäger, der ihm schließlich ein Ende setzte, indem er, fast beiläufig, fragte:
„Warst du es, Jonah?“
Einen Moment lang sah der andere Mann vollkommen verdattert drein. Als wäre er noch nie auf die Idee gekommen, jemand könne denken, dass er seine Nähe zu Grace ausnutzen würde.
„Was …“, hob er verwirrt an. Beckett unterbrach ihn scharf.
„Ich will wissen ob du es warst. Hast du sie gefickt, Jonah?“
Man konnte zusehen, wie der Vorsteher rot anlief. Vom Hals her schoss ihm das Blut in die Wangen, bis hoch zum grauen Haaransatz und sein Gegenüber wusste, dass er jeden Moment wütend losbrüllen würde. Doch noch bevor er das erste Wort über die Lippen bringen konnte, war Beckett vom Stuhl hochgeschnellt. Mit all seinem Gewicht rammte er den anderen Mann gegen die nächste Wand. Die Hand fest auf Jonahs Mund gepresst, erstickte er jeden Laut im Ansatz.
„Lass es!“, zischte er und machte sich nicht mehr die Mühe seinen Zorn zu verbergen. Sie standen sich jetzt so dicht gegenüber, dass sich ihre Gesichter fast berührten. Der Jäger spürte den warmen, stoßweisen Atem des Vorstehers auf seiner Hand, als dieser hastig durch die Nase Luft holte. Jonah war es nicht gewohnt, seine Stellung mit körperlicher Gewalt zu verteidigen, es war der Druck der Gemeinschaft, der ihm den Rücken stärkte. Hier und jetzt aber war niemand da und er selbst schien nicht einmal ansatzweise daran zu denken, sich zur Wehr zu setzen, obwohl er es von Größe und Gewicht her mit seinem Angreifer mühelos hätte aufnehmen können. Alles was er tat war Beckett hasserfüllt anzustarren.
Der erwiderte den Blick ohne zu blinzeln. Dann flüsterte er mit heiser Stimme über Jonahs ersticktes Schnaufen hinweg:
„Ich krieg’ raus wer es war, Jonah auch wenn ich dieses ganze verdammte Kaff dafür niederbrennen muss. Und wenn du versuchst mir Steine in den Weg zu werfen, breche ich dir die Beine mit ihnen, hast du verstanden?“
Beckett wusste, dass der andere Mann ihm keine Erwiderung geben würde. Langsam nahm er seine Hand von Jonahs Mund, wandte sich ab und ging zum Tisch zurück. Sein Arm tat höllisch weh, als er versuchte mit fast tauben Fingern eine Packung Zigaretten aus seiner Hosentasche zu fischen. Unter den wachsamen Blicken des Vorstehers ließ er sich wieder auf dem Stuhl nieder und zündete sich eine der Kippen an.
Jonah blieb an der Wand stehen. Reglos, als hätte ihn jemand aus altem, verwittertem Granit gemeißelt. Jemand, der wie er ständig dazu gezwungen war Kompromisse zu schließen, war Demütigungen durchaus gewohnt. Das hieß noch lange nicht, dass er gut damit umgehen konnte. Der Mann war noch nie Becketts Freund gewesen, nicht mal ein echter Verbündeter, jetzt aber, das konnte der Jäger in jeder Faser seines Körpers spüren, hatte er sich einen Feind geschaffen.
Und Jonah dachte nicht mehr daran, auch nur noch den Anschein aufrecht zu erhalten. Mit einer knappen Bewegung wandte er den Kopf so, dass er dem Jäger einen eisigen Blick schenken konnte.
„Du glaubst wirklich überall ist Jasmin, hm? Dann mal los. Zeig mir wie gut du bist ohne deine Informanten, deine Waffen oder Unterstützer. Hier bist du ein Niemand, James. Keiner wird einen von uns ans Messer liefern. Nicht für dich oder deine Schwester. Nicht für Kreaturen wie euch.“ Er musterte Beckett mit einem Blick als müsse er gleich ausspucken. „Wenn du so wahnsinnig wild darauf bist zu erfahren wer es war…“, fuhr er fort, „….dann solltest du vielleicht deine Schwester fragen hm? Schließlich war sie ja dabei.“
*
Im Licht der untergehenden Sonne betrachtet, sah Arche fast aus als hätte ein wiederauferstandener Thomas Kinkade es in die Landschaft gerotzt. Die zahlreichen kleinen Holzhütten schmiegten sich, eingerahmt von Wäldern und Hügeln in eine, von einem schmalen Flusslauf durchzogene Senke. Sie umringten eine kleine, weiß getünchte Holzkirche, die den winzigen, kreisrunden Marktplatz in der Mitte des Ortes dominierte. Es war Abendbrotzeit und aus beinahe allen Schornsteinen stiegen feine Rauchfahnen gen Himmel. Kurz es war ein ungemein idyllischer Anblick der über die Dinge, die in diesem Dorf vor sich gingen fast hinwegtäuschte.
Beckett saß auf einem der Hügel über dem Ort im staubtrockenen Gras und beobachtete abwechselnd das Dorf und seine Schwester, die ein paar Meter von ihm entfernt im flimmernd-rötlichen Licht der Abendsonne Heuschrecken fing.
Jonahs Worte gingen ihm durch den Sinn und der Jäger kam nicht umhin dem Vorsteher eins zuzugestehen: es würde wirklich schwierig werden hier etwas heraus zu finden. In Jasmin konnte Beckett sich auf sein Netz aus mehr oder minder freiwilligen Informanten stützen. Irgendwer hatte immer irgendetwas gesehen und war bereit irgendjemanden für eine bestimmte Summe zu verraten. So war der Lauf der Dinge und er lebte ziemlich gut davon. Hier in Arche aber sah die Sache anders aus. Die Leute waren aufeinander angewiesen, wenn sich einer querstellte, konnte das die gesamte Gemeinde gefährden.
Er sah wieder zu Grace hinüber, die sich eben aufrichtete und mit dem Handrücken über die Augen fuhr. Im Widerschein der untergehenden Sonne konnte der Jäger nur ihre Silhouette ausmachen, beinahe schon unbewusst blieb sein Blick an der Schwellung in ihrer Körpermitte hängen. Hatte es überhaupt einen Sinn sie zu fragen wer der Vater war?
An guten Tagen war sie etwa acht, an weniger guten verstand sie nicht mal soviel wie eine Sechsjährige. Damals als sie beide in die Pubertät gekommen waren, hatte Beckett versucht ihr das Konzept zu erläutern. Woher die Kinder kamen und warum es wichtig war, dass sie keinen Jungen zu dicht an sich heranließ. Er war nie sicher gewesen, wie viel davon sie verstanden hatte.
„Jimmy?“ Grace kam auf ihn zu und ließ sich neben ihm ins Gras plumpsen. In der Hand hielt sie eine alte Streichholzschachtel, aus der es jetzt zirpte. „Können wir noch bleiben bis die Glühwürmchen kommen? Bitte?“
Ihr Bruder zuckte mit den Schultern.
„Meinetwegen“, erwiderte er stoisch. Es war ja nicht so, als ob er gerade viel zu tun hatte. Grace strahlte ihn an und hielt die Streichholzschachtel an sein Ohr, damit er der Grille zuhören konnte. Eine ganze Weile lang saßen sie schweigend nebeneinander, bis Grace plötzlich ganz unvermittelt sagte:
„Jimmy? Theresa sagt ich krieg’ ein Baby.“
Sie sah ihn an als hätte sie ein schlechtes Gewissen.
„‘Tschuldige.“
Beckett warf ihr einen kurzen Blick zu. Wie sie da saß und auf die Spitzen ihrer Sandalen starrte, erinnerte sie sich offenbar zumindest an einen Teil seiner Rede von damals. Mit einem neuerlichen Schulterzucken reichte er ihr Agatha, ihre Lumpenpuppe, der er die wichtige Erkenntnis verdankte, dass er Menschen schwer verletzen konnte, ohne Reue zu empfinden.
„So was passiert, Gracie-Baby“, meinte er nur.
Seine Schwester rieb sich erleichtert die Nase und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Es wurde wieder still. Außer dem, fast schon ohrenbetäubenden, Zirpen der Grillen und dem Schreien eines Vogels war es ruhig. Endlich, als er glaubte lange genug gewartet zu haben, erkundigte Beckett sich wie nebenbei:
„Weißt du, wie es passiert ist, Gracie? Wieso du plötzlich ein Kind bekommst?“
Die Frau neben ihm schob die Unterlippe vor als dachte sie ernstlich über die Frage nach.
„Mhm. Ich glaube es waren die Geister“, sagte sie schließlich.
„Die Geister?“, wiederholte Beckett und zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Ja. Die Waldgeister“, konkretisierte seine Schwester. Sie nahm ihren Kopf von seiner Schulter und lächelte fröhlich. „Weißt du sie kommen mich manchmal holen. In der Nacht. Und dann erzählen sie mir ihre Geheimnisse.“
Becketts Hand grub sich krampfhaft in den trockenen Boden zu seiner Linken. Er starrte zu den Wäldern hinüber, die von den Farmern nie gerodet worden waren, obwohl sie den Boden gut hätten nutzen können. Er glaubte nicht an Geister und hatte plötzlich das Gefühl, dass er ahnte, was irgendwo in den grün-schwarzen Tiefen geschehen war und es machte ihn nur noch wütender. Seine Stimme aber war ruhig als er fragte:
„Was sind das für Geheimnisse, Gracie?“
Neben ihm schüttelte seine Schwester den Kopf und drückte Agatha fest an sich.
„Das darf ich dir doch nicht sagen, Jimmy“, antwortete sie mit tadelndem Tonfall als stelle ihr Bruder sich gerade unheimlich unvernünftig an. „Es sind doch Geheimnisse.“
4.
Die Hitze lag wie eine Glocke über dem Tal. Flirrend und drückend ließ sie die Konturen der Menschen in der Ferne zu etwas Unkenntlichem verschwimmen und erschuf bizarre Luftspiegelungen über den Feldern und den wenigen Straßen der Gegend. Es war so heiß, dass man das Gefühl bekam sich mit jedem Atemzug die Lunge zu versengen.
Die Adventarier hielt es nicht davon ab, ihrem Tagwerk nachzugehen.
An einen Heuwagen gelehnt, beobachtete Beckett die, mit fast schon an Apathie grenzender Disziplin arbeitenden, Männer auf dem Weizenfeld, das sich vor ihm ausbreitete. Seit zwei Tagen hielt er sich jetzt in Arche auf, der Lösung seines ganz privaten kleinen Rätsels aber war er noch kein Stück näher gekommen. Es war tatsächlich so schwierig, wie Jonah prophezeit hatte. Nicht nur, dass keiner der Bewohner des Ortes mit ihm sprach, nein, sie gingen dem Fremden unter ihnen auch noch aus dem Weg oder begegneten ihm, wenn es gar nicht anders ging, nur in Gruppen. Wie eine Büffelherde, die sich, Schulter an Schulter im Kreis positioniert, gegen das Eindringen eines Raubtiers schützte. So war unmöglich zu erkennen, was oder wen sie in ihrer Mitte verbargen.
Jonah hatte sich seit Becketts Ankunft vor zwei Tagen darauf verlegt, den anderen Mann zu ignorieren, so gut es eben ging. Die Mitglieder seiner Gemeinde taten es ihm gleich, ganz so als hofften sie, der Jäger wäre nur eine lästige Gottesprüfung, die vorbei gehen würde, wenn man nur lange genug so tat als wäre sie gar nicht da.
Dumm nur, dass Beckett so nicht funktionierte. Sein Interesse an den Vorgängen innerhalb der Gemeinde war nach wie vor ungebrochen und er würde den Teufel tun, von hier zu verschwinden bevor er nicht bekommen hatte, weswegen er hier überhaupt erst aufgetaucht war. Wenn das hieß, dass er seinen Aufenthalt verlängern musste, sollte es wohl so sein. Er konnte keinen von ihnen in eine Ecke drängen und so lange zuschlagen, bis sie die Antwort freiwillig Preis gaben, aber früher oder später würde einer von ihnen den Mund aufmachen. Irgendwann wurde jedem der Druck zu groß, das schlechte Gewissen zu mächtig.
Bis dahin blieb ihm nur Ely, der gerade mit versteinerter Miene einen Heuballen auf den Wagen wuchtete. Streu und kleinere Strohhalme flogen nach allen Seiten, ein Geruch nach Altem, Vertrocknetem hing in der Luft. Die Hitze der letzten Wochen war der Ernte nicht gut bekommen. Und momentan bekam sie dem Jungen nicht gut, der stumm vor sich hinschwitzte und mit den schweren Ballen kämpfte. Keiner seiner Mitbrüder kam auf den Gedanken ihm zu helfen. Sie schnitten ihn, vermutlich auf Befehl seines Vaters hin, vielleicht auch aus eigener Empörung, wirklich genau zu sagen war hier nicht, wo das eine begann und das andere endete. Ely jedenfalls ertrug es mit trotzigem Gleichmut und jugendlicher: soll-mir-Recht-sein – Dickköpfigkeit. Ohne zu ahnen, wie ähnlich er seinem Vater in diesem Wesenszug war.
Was aber wirklich hinter der Fassade vorging, war schwer zu sagen. Beckett fühlte sich auch nicht ernsthaft bemüßigt nachzuhaken, sein Mitleid brauchte er für seine Schwester.
„Wir sind keine schlechten Menschen“, sagte der Junge eine knappe halbe Stunde später. Nachdem ihm die Heuballen zum wütenden Herumwerfen ausgegangen waren, hatte er sich im Schatten des Wagens niedergelassen. Beckett, der neben ihm stand, sah auf ihn herab, sparte sich aber eine Antwort. Gut oder Schlecht waren für ihn nichts als Adjektive, keine ganzheitlichen Konzepte die man auf Menschen anwenden konnte. Zumindest nicht auf die, die er kannte.
Ely allerdings missdeutete sein Schweigen offensichtlich als Widerspruch. Mit düsterer Miene sah er zu Beckett hinauf.
„Ich weiß, Sie hassen uns für das, was mit Grace passiert ist.“
Hass. Noch eines dieser überbewerteten Worte, mit denen der Jäger nicht viel anfangen konnte. Es gab nur wenige Dinge die er wirklich hasste. Im Grunde genommen interessierten ihn weder dieses Dorf, noch seine Bewohner einen Dreck. Wenn sie morgen allesamt vom Erdboden verschwunden wären, hätte Beckett mit den Schultern gezuckt, seine Schwester anders untergebracht und wäre zum normalen Programm übergegangen. Man hasste nicht, was einem gleichgültig war. Der Junge aber hielt sich und seine Gemeinde offenbar für wichtig genug, denn er fuhr mit einem Seufzer dort:
„Aber wir sind wirklich nicht so schlimm. Es ist einfach eine Angewohnheit, die Dinge unter uns zu regeln und die meisten hier sind einfach zu sehr den alten Traditionen verhaftet. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie Leid mir das Alles tut, Mr. Beckett. Wenn es irgend etwas gibt, das ich für Sie oder Grace tun kann, brauchen Sie es nur zu sagen.“
Noch während ihrer gemeinsamen Fahrt ins Tal hatte Ely Beckett versichert, dass er nicht die leiseste Ahnung hätte, wer der Vater des Kindes war, das Grace unter dem Herzen trug. Und der Jäger glaubte ihm, jetzt noch mehr als auf dem Weg hierher. Es fehlte nicht viel und die Gemeinde seines Vaters, hätte den jungen Reeves wie einen Aussätzigen behandelt. Er war Beckett schon bei seinen früheren Besuchen aufgefallen, denn Ely war einer dieser Weltverbesserer, die ständig mit dem Kopf in den Wolken hingen und glaubten, Systeme stürzen und Althergebrachtes reformieren zu müssen. In Jasmin eine lange ausgestorbene Spezies und auch hier im Tal erfreute sie sich keiner sonderlichen Beliebtheit. Er war freundlich und von Natur aus gutherzig, aber immer dabei Ordnungen zu hinterfragen, die nicht ohne Grund bestanden und, in den Augen der meisten Bewohner Arches, funktionierten. Was ihn schon von vorneherein als jemanden disqualifizierte, mit dem man über Dinge sprach, die im Verborgenen vor sich gingen. Wenn es hier eine Person gab, die vom örtlichen Klatsch und Tratsch ausgeschlossen wurde, dann war das Ely. Keine sehr verheißungsvolle Quelle.
Aber er war Becketts einziger Informant und das hier seit zwei Tagen die erste Gelegenheit, ihn mehr oder weniger unter vier Augen zu sprechen. Der Blick des Jägers glitt zu den Wäldern hinüber, die sich jenseits der Felder, wie eine dunkle Wand, gegen den Horizont abzeichneten.
„Wie wär’s mit einer kleinen Märchenstunde, Ely?“, sagte er schließlich ruhig, ohne den Blick vom grün-schwarzen Dickicht zu lösen.
„Huh?“, kam es von unten. Beckett brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass der Junge gerade nicht sonderlich intelligent aus der Wäsche schaute.
„Sagen wir mal, ich entwickle Interesse an örtlicher Folklore“, begann der Jäger zu erklären. „Geister, Ely. Waldgeister. Kannst du mir was darüber erzählen?“ Erst jetzt sah er zu dem Jungen, der nun aber seinerseits den Blick den Wäldern zugewandt hatte. Er zog noch immer ein Gesicht, als hätte er nicht die geringste Ahnung, was der fremde, und durchaus furchteinflößende, Mann eigentlich von ihm wollte.
„Uhm – welche Geister?“, fragte er unsicher. „Meinen Sie die Abato-Götter?“
Skeptisch sah er zu Beckett auf, der mit den Schultern zuckte.
„Keine Ahnung, Ely. Meine ich die Abato-Götter?“
Der Junge war cleverer als er gerade aussah, denn er verstand die Aufforderung, die hinter den Worten des Jägers steckte.
„Hm“, machte er eher ratlos. „Die Abato waren ein hier ansässiger Indianerstamm, der noch lange vor der großen Wüstung ausgestorben ist.“ Wenn ein Adventarier von der großen Wüstung sprach, meinte er immer den GAU. Eine fast schon biblisch klingende Bezeichnung, die perfekt zum Gemeinwesen der Sekte passte. „Es heißt“, fuhr Ely fort. „Sie hätten Tiere verehrt.“ Auf seinem gutmütigen Gesicht erschien ein fast schon peinlich berührter Ausdruck. Als würde er sich noch ein wenig für die lange toten Vorbesitzer dieses idyllischen Fleckens Erde schämen. So rebellisch der Junge auch sein mochte, in anderer Hinsicht hatte Jonahs Erziehung offenbar gefruchtet.
„Tiere?“, wiederholte Beckett, um ihn am Reden zu halten.
„Naja, nicht wirklich Tiere“, entgegnete Ely und zupfte nachdenklich einen Strohhalm von seiner Weste. Das Thema schien ihm nicht wirklich geheuer. Beinahe so als könne schon das Reden über fremde Gottheiten zu plötzlichem Tod durch Blitzschlag führen. „Eher so was wie Geistwesen, die eben bestimmte Tiereigenschaften symbolisieren sollten.“
Er verstummte und sah mit einem leisen Seufzen und gerunzelter Stirn zu den Wäldern hinüber. Für einen Moment wirkte es so, als wolle er sich schütteln, wie ein junger Hund, den man mit Wasser übergossen hatte.
Beckett registrierte es mit Interesse. Schon früher war ihm aufgefallen, dass die Bewohner des Tals eine merkwürdige Einstellung zu den Wäldern hatten, die die Kommunen untereinander abgrenzten und sich bis in die Berge hinauf zogen. Und nicht nur die Bewohner des Tals. Auch die Wanderer mieden die Wälder der Gegend wie der Teufel das Weihwasser, obwohl es strategisch ungemein günstig gewesen wäre, diese natürlichen und meist unbewachten Barrikaden zu durchbrechen, um an die fetten Pfründe der Talbewohner zu gelangen. Lieber rieben sie sich an den gut geschützten Zugangsstraßen des Grand Valley auf.
Was die Menschen dort betraf, sie taten es den Wanderern größtenteils gleich. Man rodete die Wälder nicht und forstete das Bisschen, das man nahm, sofort wieder auf. Es gab keine Jagdausflüge in die grüne Hölle und nur eine mehr oder weniger gut befestigte Straße, die Arche mit der nächsten Kommune, und so mit der Außenwelt, verband. Es war fast, als hätten die Bewohner des Tals Angst vor den Wäldern.
Früher hatte der Jäger dem keine große Bedeutung beigemessen. Dschungel war Dschungel, egal ob aus Holz oder Stein, die Gesetze blieben die gleichen. Es waren Gesetze, die er kannte, nach denen er Tag für Tag lebte. Die Bewohner von Arche aber, die sich einen Teil Zivilisation in den Weltuntergang herüber gerettet hatten, litten unter einer fast atavistischen Furcht. Blieb die Frage, was seine Schwester in diesen Wäldern zu suchen hatte.
„Erzähl mir mehr über diese Geistwesen“, forderte er. Doch wieder einmal war Ely mit seinem Latein am Ende. Mit den Schultern zuckend erwiderte er:
„Da gibt’s eigentlich nicht mehr zu erzählen. Mehr weiß ich auch nicht. Wir reden hier nicht gerade viel über solche Dinge.“ Es klang als wäre das einer der wenigen Punkte in dem er mit seinen Mitbürgern übereinstimmte.
„Warum redet meine Schwester dann darüber?“, wollte Beckett wissen. Die Sonne brannte auf seiner Haut und sein Arm schmerzte mehr denn je. Er fühlte sich müde, fast schon ausgelaugt, das Gerede über Geister, schien nirgendwohin zu führen und in der Ferne arbeiteten die Adventarier noch immer mit stummer Unermüdlichkeit gegen ihren eigenen, seit zwanzig Jahren verzögerten, Untergang an.
„Grace?“, kam es überrascht von Ely. „Eigentlich sollte sie sich gar nicht mit so was…“
Er brach mitten im Satz ab, als ihm eine plötzliche Eingebung zu kommen schien. Überrascht murmelte er etwas, das wie: „Nein, das hat sie sicherlich nicht getan“, klang, fing dann aber Becketts, über die Maßen interessierten, Blick auf und verstummte sofort wieder. Der Jäger wartete, doch sein plötzlich so scheu gewordener Gesprächspartner dachte offenbar nicht daran, weiter zu sprechen. Nach etwa einer halben Minute, seufzte Beckett ein leicht frustriertes:
„Ely!“
Es war nur ein Wort, aber in dem Tonfall in dem der Jäger sprach, schwang sehr viel mehr Botschaft mit. Komm schon, hieß es, hör auf mit dem Theater, ich habe keine Lust mehr auf diesen ganzen Scheiß, hilf mir oder lass die leeren Versprechungen. Und offenbar kam es bei dem Jungen auch exakt so an, denn Ely wich Becketts Blick aus und starrte mit einem unglücklichen, kleinen Laut zu Boden. Der Mann neben ihm wusste, dass es ein entscheidender Moment war, der so oder so ausgehen konnte. Aber genau diese Entscheidung musste Ely alleine treffen, also ließ er dem Jungen die Zeit, den inneren Ringkampf auszutragen, der seiner zusammen gesunkenen Gestalt ziemlich gut anzusehen war. Schließlich schaute Jonahs Sohn wieder auf, immer noch eindeutig bekümmert.
„Versprechen Sie mir, dass Sie ihr keinen Ärger machen werden, Mr Beckett?“, fragte er fast schon flehentlich.
„Ich mache niemandem Ärger, der mir keinen macht, Ely“, antwortete der Jäger so diplomatisch er konnte. Eine Äußerung, die keiner genaueren Betrachtung Stand gehalten hätte, wenn man bedachte, mit was er seinen Lebensunterhalt verdiente. Der Junge zu seinen Füßen schien auch nicht sonderlich überzeugt. Unzufrieden rieb er sich die Stirn, traf aber endlich eine Entscheidung.
„Sicher hat sie es nicht aus böser Absicht getan.“
„Wer, Ely?“
„Rachel, meine …“ Da war es wieder, das bedeutungsschwangere, gramerfüllte Schweigen, das in Arche zum Kommunikations-Standardrepertoire zu gehören schien. Nun, Beckett war völlig egal, in welcher Beziehung diese Rachel zu seinem, sichtlich herzschmerzgeplagten, Insider stand, er wollte erfahren, was sie mit dem Wissen seiner Schwester über die Geisterwelt, lang untergegangener Indianerstämme, zu tun hatte.
„Rachel Connor“, fing Ely sich endlich. „Manchmal wandert sie in die Berge, hoch zum alten Doc Morgan, um zu sehen wie es ihm geht und ihm die gute Botschaft näher zu bringen. Dr. Mark Morgan, ihm hat früher das ganze Tal gehört. Vor der Wüstung. Leider ist er ein“, Ely senkte die Stimme ein wenig, bevor er fortfuhr. „Gottloser Mensch.“
Bedauern zeichnete sich auf dem Gesicht des Jungen ab.
„Er hat nicht viel Kontakt zu uns. Lebt da oben in seiner Hütte mit seinen Hunden und seinen Geschichten. Total zurückgezogen. Aber er weiß eine Menge über die Dinge, die früher hier geschehen sind. Und über die Sachen, die hier früher geglaubt wurden. Die anderen haben ihn schon lange aufgegeben, aber nicht Rachel. Sie glaubt, dass man jede Seele vor der Verdammnis retten kann, wenn man ihr nur den Weg weist.“
Bevor Ely ins Schwärmen geraten konnte, fiel Beckett ihm ins Wort.
„Gut, aber was hat das mit Grace zu tun?“
Einmal mehr seufzte der Junge schwer.
„Bis vor Kurzem, bis zu ihrer Verlobung, war Rachel oft bei uns zu Gast“, verlegen scharrte er einen Stein mit dem Fuß beiseite und wurde rot. „Grace ist richtig vernarrt in sie und deshalb sind die zwei oft zusammen unterwegs gewesen. Gibt nicht viele Leute hier, die sich die Zeit für Grace nehmen.“ Er wagte es nicht den Blick zu heben, als ob Beckett mit dem Zorn einer wütenden Gottheit auf ihn niederfahren könnte. Dem aber lag nichts ferner, denn er neigte nicht zur Verlogenheit. Immerhin nahm er sich selbst nicht die Zeit für Grace. Als er nicht reagierte, fasste Ely sich ein Herz und fuhr fort: „Naja, ich hätte nicht gedacht, dass sie so leichtsinnig wäre, immerhin muss man durch den Wald, um zur Hütte des Doktors zu gelangen, aber von alleine hätte Rachel Grace nie was über die Geister erzählt. Rachel ist sehr um ein gottgefälliges Leben bemüht. Allerdings kann Grace auch nicht alleine zum Haus hoch gekommen sein, den Weg würde sie nie im Leben finden.“
Kurzum, diese Rachel musste Grace offenbar mit zum Haus dieses Arztes genommen haben. Der ihr wiederum von den Legenden über Waldgeister berichtet, und sie vielleicht im Vorbeigehen geschwängert, hatte. Beckett dachte einen Augenblick lang darüber nach. Das hier war die beste Spur, die er bis jetzt hatte, noch dazu gab es im Moment nichts Besseres für ihn zu tun. Also sagte er zu Ely:
„Na schön, wo finde ich deine Rachel?“
Der Junge sackte ein kleines Stück weiter in sich zusammen und warf dem Jäger einen gequälten: Ich wusste, dass Sie das fragen würden – Blick zu
*
Strukturen, Formen, Töne und Gerüche waren Abbys Welt. Eine Welt, die ihr vor ihrem Unfall nicht unbedingt fremd, aber bei Weitem nicht so vertraut gewesen war. Die Blindheit war nicht gerade als Segen über sie gekommen, doch der GAU hatte andere Leute noch sehr viel mehr gekostet. Zumindest waren ihr die Bilder in ihrem Kopf geblieben. Bilder von einer anderen Zeit, die in der ewigen Dunkelheit nur noch heller leuchteten als je zuvor. Nichts konnte diese Bilder auslöschen oder verfälschen, sie umhüllten Abbys Bewusstsein, wie eine warme Decke jemanden umhüllt, den man an einem Wintertag aus einem Kanal gefischt hatte.
Sie waren Abbys Schutz und an manchen Tagen das Einzige, was sie aufrecht hielt, wenn der Verlust zu weh tat. Nach ein paar Jahren hatte sie gemerkt, dass sie andere Dinge sehr viel mehr vermisste, als das Sehen und es hatte nur noch mehr geschmerzt, die Bilder noch unverzichtbarer gemacht.
Manchmal, wenn sie, wie jetzt, alleine in ihrer noch dunklen Bar saß, die erst zum späten Nachmittag hin öffnete, und Gläser polierte oder Flaschen billigen Fusels sortierte, wenn sie zuviel Zeit zum Nachdenken hatte, dann brauchte Abby ihre Bilder mehr als sonst. Um die Fragen abzuwehren, die Was-wäre-Wenns und das Gefühl etwas sehr Wertvolles unwiederbringlich verloren zu haben. Wenn auch das nicht half, dann konzentrierte sie sich auf ihre anderen Sinne. Auf die feinen Unebenheiten in dem Bierglas, das sie gerade blank rieb oder auf die Geräusche, die von der Strasse durch die geschlossene Tür zu ihr hinein drangen.
Es waren andere Geräusche als damals, das glaubte Abby zu wissen. Der Lärm der Autos war dem stetigen Sirren der Rikscha-Räder auf dem bröckligen Asphalt gewichen. Fliegende Händler machten jetzt einen Großteil der Einkaufsmöglichkeiten aus und priesen ihre Waren überall lauthals an. Das Heulen der Sirenen war endgültig verstummt, dafür hörte man sehr viel öfter das leise Trippeln unzähliger, kleiner Füße, ob sie nun zu Ratten, Katzen oder verwilderten Hunden gehörten. Und mit den Tönen hatten sich auch die Gerüche geändert. Jasmin City war eine lebendige Großstadt gewesen als der GAU sie erwischt hatte. Heutzutage roch sie oft mehr verrottet als alles andere. Aber trotz allem konnte Abby den Puls der Stadt noch immer fühlen. Die Kraft des Lebens die nur darauf wartete, sich wieder vollkommen Bahn zu brechen.
Sie wusste, dass die Leute von ihr glaubten, sie lebe im Gestern, aber das entsprach nicht der Wahrheit. Das Gestern war nur der Ort, an dem Abby fand was sie am meisten vermisste. Etwas, das ihr das Heute nicht mehr geben konnte.
Und das war Jackson Wexler.
Jackie, ihren Partner und besten Freund, den großen, bösen Bullen mit dem Herz am rechten Fleck, mit dem selbst die beschissensten Nachteinsätze zu einem Erlebnis wurden. Abby vermisste all die kleinen Dinge. Die Witzeleien, die Donuts, ja sogar den schlechten Revierkaffee und Jackies furchtbares Chili. Ihr fehlten die warmen Sonntagnachmittage an denen sie mit Jackson und seiner Frau Melinda, im kleinen Garten des Wexlerschen Hauses gegrillt und den beiden Kindern der Familie beim Spielen zugesehen hatte, während man über Baseball sprach. Sie vermisste sogar die schlechten Momente. Die, wenn sie wieder mal vollkommen ausgelaugt von einem Fall in die nächste Bar gestolpert und getrunken hatten, bis die Erinnerungen verschwammen. Und sie vermisste Bowling und den lächerlichen Tanz, den Jackie immer aufführte wenn er gewann. Wenn Abby ihn gewinnen ließ.
Doch dieser Jackie, ihr Jackie, war während des GAUs umgekommen und hatte jemanden an seiner Stelle zurück gelassen, der Abby vollkommen fremd war. Den sie auch nach zwanzig Jahren nicht verstehen konnte. Am Anfang hatte sie noch Spuren ihres Jackies in ihm entdecken können, aber je weiter er sich von ihr entfernt hatte, desto weniger war in ihm zu finden gewesen. Oder vielleicht, so dachte sie manchmal, war es auch anders herum. Trotzdem hatte sie die Hoffnung nie aufgegeben, ihren Jackson doch noch mal wieder zu finden, wenn auch nur für einen Moment. Und im Grunde ihres Herzens wusste sie, dass sie nie aufhören würde zu warten.
Mit einem schwachen Lächeln schüttelte Abby den Kopf und stellte das geputzte Bierglas zielsicher auf der Theke ab. Sie mochte sich selbst nicht sonderlich leiden, wenn sie so viel nachdachte wie jetzt. Glücklicherweise kam es nicht zu oft vor, denn sie hatte sich eingerichtet in ihrem Leben nach der Katastrophe und sich mit viel Arbeit eingedeckt. So kam sie nicht oft zum Nachdenken, vor allem nicht mehr, seit der Junge bei ihr eingezogen war.
Abbys Lächeln wurde breiter als sie an Ryan dachte.
Ein merkwürdiges Kind. Anhänglich wie eine Klette, auch wenn es anfänglich anders gewesen war. Nacht für Nacht war er verschwunden, nur um vollkommen überdreht zurück zu kehren, nach anderen Männern und, oder Alkohol stinkend. Sie hatte ihm seinen Willen, sein Ventil gelassen, ihm aber auch Grenzen gesetzt. Mehr und mehr waren sie darüber ins Reden gekommen, ins Streiten und Diskutieren, aber auch ins Lachen. Bald schon war Abby mehr mit Ryans Problemen, als ihren eigenen beschäftigt gewesen. Und wenn man eines sagen konnte, dann dass der Junge wirklich eine Menge Probleme hatte.
Irgendwie hatten sie begonnen sich aufeinander einzustellen und inzwischen kam es Abby nicht mehr seltsam vor, wenn er ständig in ihrer Nähe herumlungerte, wie ein eifriges Hündchen darauf bedacht, sich nützlich zu machen. Manchmal musste sie ihn sogar ausbremsen und darauf bestehen, dass er noch Kontakt mit Menschen außerhalb des ‘bookshops‘ aufnahm. So wie heute, als sie ihn zum Einholen weggeschickt hatte. Er war mit schlechter Laune losgezogen, würde aber sicherlich mit besserer zurückkommen und ihr wieder eines seiner seltsamen Schnäppchen präsentieren, die den Club noch besser machen, oder Abby den Alltag vereinfachen konnten. Bis jetzt hatte er erstaunlicherweise immer Recht behalten. Lange konnte es nicht mehr dauern und so war Abby nicht besorgt, als sie plötzlich Schritte hörte, die vor der Tür der Bar zum Stehen kamen.
„Es ist offen, Ryan!“, rief sie in die Dunkelheit und tastete nach dem Lichtschalter hinter der Bar, um dem Jungen einen möglichen Beinbruch zu ersparen. Sie hatte sich gerade umgewandt, als die Tür aufgezogen wurde. Für einen Moment hatte Abby das Gefühl als hätte jemand die Tür eines Eisschrankes geöffnet. Ein Frösteln lief ihren Nacken herunter und ließ die Haare an ihren Armen zu Berge stehen. Eines war ihr sofort klar. Die Person, die gerade mit verwirrend leichten Schritten in den Schankraum trat, war nicht Ryan.
Die Stirn gerunzelt ’sah’ Abby in die Richtung ihres Besuchers.
„Entschuldigen Sie“, sagte sie und lächelte bedauernd. „Aber wir haben noch nicht geöffnet.“
Von ihrem Besucher kam keine Reaktion. Abby konnte nicht mal das Knarren der Dielenbretter unter seinen Füßen hören. Doch sie konnte sehr genau fühlen, dass sie taxiert wurde. Wie eine Katze, die eine Maus anstarrt, dachte sie eine Sekunde lang, korrigierte sich dann aber selbst. Nein, keine Katze. Ein Reptil.
Unwillkürlich tastete sie unter der Bar nach dem Eispickel, den sie immer zur Sicherheit dort deponiert hatte. Das Lächeln auf ihrem Gesicht aber blieb freundlich.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragte sie in die ungemütliche Stille hinein, die sich weiter auszudehnen schien. Jetzt reagierte der Fremde.
„Das hoffe ich doch, Detective Walters.“
Normalerweise nahm eine Stimme Abby immer die Furcht vor Menschen. Man konnte, wenn man nur genau hinhörte, alles aus einer Stimme erfahren. Vor allem, wie man reagieren musste, um mit ihren Besitzern auf eine Ebene zu gelangen, von der aus man miteinander umgehen konnte. Doch diese Stimme, diese Stimme war furchteinflößend. Flach, ausdruckslos, kultiviert und so androgyn, dass Abby trotz ihrer angespannten Sinne nicht zu sagen vermochte, ob sie zu einem Mann oder einer Frau gehörten.
„Kennen wir uns?“, fragte sie, nur um irgend etwas zu sagen. Um ihrem Gegenüber ihre Furcht nicht zu zeigen. Mehr als irgendwann in den letzten zwanzig Jahren wünschte sie sich plötzlich, Sehen zu können.
„Nun, ja. Ich denke, das könnte man so sagen“, erwiderte ihr Gast ohne hörbare Emotion in der Stimme. „Und wenn ich das so sagen darf, Detective, weder die fünfundzwanzig Jahre noch die Verbrennungen, haben Ihrem Aussehen wirklich Abbruch getan. Verblüffend, aber ich denke Sie sind tatsächlich immer noch die attraktivste Frau, die ich je gesehen habe.“
In Abbys Gehirn begannen sämtliche Räder zu rotieren. Sie kannte ihren Besucher. Nein, nicht die Stimme, aber diese Ausstrahlung, diese Kälte. Wen hatte sie vor fünfundzwanzig Jahren gekannt, der all ihre Fluchtinstinkte dermaßen in Alarmbereitschaft versetzte, dass sie am liebsten in Panik aus dem Haus gestürzt wäre? Langsam, Zahn für Zahn, rasteten die Rädchen ein und als Abby endlich wusste, wer da mitten in ihrer Bar stand, konnte sie sich nur noch an ihrer Theke festklammern und den Kopf schütteln.
„Nein“, hauchte sie atemlos, die Augen weit aufgerissen hinter ihrer Brille. „Das ist absolut unmöglich. Nicht mal Sie können den Tod überwinden.“
Ihr Besuch aus der Vergangenheit hatte zum ersten Mal etwas wie Emotion in der Stimme. Eine Art kühle Belustigung, als er antwortete:
„Alles ist möglich, wenn man nur die richtigen Beweggründe hat, Detective. Und nun…“, ein Dielenbrett knarrte, als sich der unwillkommene Gast in Bewegung setzte und auf Abby zukam. „Denke ich, sollten wir uns unterhalten.“
05
Da es in Arche als unschicklich galt, wenn ein Mann, noch dazu ein Fremder, eine junge Frau wie Rachel Connor allein besuchte, sorgte Ely für eine Eskorte zu ihrem Haus. In Form ihres Bruders Noel, der alles andere als begeistert wirkte, während der junge Reeves wild gestikulierend hinter dem Heuwagen auf ihn einredete.
Beckett wartete den Ausgang des Gesprächs in einiger Entfernung ab.
Glücklicherweise schien der Connor-Junge, der ein so unspektakulär, durchschnittliches Gesicht hatte, dass der Jäger es jedes Mal sofort vergaß, wenn er nur ein paar Sekunden lang von ihm wegsah, Ely nicht so unfreundlich gesonnen, wie der Rest des Dorfes. Was vielleicht daran lag, dass sie etwa gleich alt sein mochten. Vermutlich waren sie so was wie Freunde gewesen, bevor der jüngste Spross der Reeves-Familie beschlossen hatte, den Danton zu Jonahs Robespierre zu geben.
Nach guten fünf Minuten, war die Diskussion beendet und Noel trottete mit missmutigem Gesicht in Richtung seines Elternhauses davon. Beckett folgte ihm in einigem Abstand und überlegte, ob es sinnvoll war, ein Gespräch zu beginnen. Die Chancen, dass der Junge mehr wusste als sein Altersgenosse, standen hoch, doch trotzdem entschied der Jäger sich dagegen, eine Unterhaltung zu forcieren. Zum einen weil er nicht besonders gut darin war unverfängliche Konversation zu betreiben, die auf Umwegen zum Ziel führte und zum zweiten schlug ihm aus Noels Mine der Missmut der gesamten Gemeinde entgegen. Verärgern konnte Beckett den Jungen immer noch, nachdem er mit seiner Schwester gesprochen hatte.
Auf diese Art waren sie fast schon eine Viertelstunde schweigend mal hinter-, mal nebeneinander her gelaufen, als Beckett mehr durch Zufall denn Können einen Weg fand, mit dem Jungen ins Gespräch zu kommen. Es waren die Zigaretten, die ihn knackten.
Nur im ersten Moment missdeutete der Jäger den Blick, dem ihm der Junge zuwarf, als er sich einen der Glimmstängel anzündete und mit tiefen Atemzügen rauchte, als Missfallen. Die verstohlene Art auf die Noel ihn musterte, verriet ihm schnell, dass seinem eingeborenen Führer der Sinn nach Nikotin stand. Also bot er es ihm schweigend an. Der Junge warf einen unsicheren Blick in alle Richtungen, als wolle er sicherstellen, dass ihn niemand beim fraternisieren beobachtete, dann nahm er die Kippe zögerlich an und ließ sie in der Hosentasche verschwinden.
„Danke“, murmelte er wortkarg.
Beckett verkniff es sich ein Gespräch erzwingen zu wollen und wartete. Nachdem sie weitere fünf Minuten schweigend ihres Weges gegangen waren, sagte Noel schließlich.
„Mach ich selten. Rauchen.“ Ganz als müsse er sich für sein Laster rechtfertigen. Selbst vor jemandem wie Beckett. Einem Fremden, den es im Grunde genommen gar nichts anging. Der Jäger zuckte gleichmütig mit den Schultern und ließ den Jungen in Ruhe. Noel Connor schien zu den Menschen zu gehören, die das Gefühl brauchten, ein Gespräch von sich aus zu beginnen. Und tatsächlich meinte er kurz darauf:
„Hab’ damals in Jasmin damit angefangen. Als ich mit den Truckern da war. Eure Zigaretten sind gut, aber meine sind jetzt alle. Leben würd’ ich da nicht wollen. In Jasmin meine ich.“
„Ist es hier so viel besser?“, stellte sein Begleiter die lakonische Gegenfrage. Neben ihm zuckte der Junge mit den Schultern.
„Ich denke schon. Für mich jedenfalls.“ Er runzelte die Stirn und starrte nachdenklich auf den Weg, als müsse er ernstlich abwägen, ob er hinter seinen Worten stand. Der hellste Kopf schien Noel Connor nicht zu sein. Aber ehrlicher als der größte Teil seiner Gemeinde offenbar, wie sich herausstellte, als er jetzt fortfuhr: „Aber für Sie ist es nicht so ‘ne gesunde Gegend, Mr. Beckett. Sie sollten aufpassen, hier gibt’s ein paar Leute, die sind nicht ganz so friedlich, wie alle glauben sollen. Ich würd’ aufpassen wem ich auf die Zehen trete, wenn ich Sie wäre.“
Mit dieser Warnung schien er die Zigarette als abgegolten zu betrachten, den Rest des Weges, verfiel er wieder in brütendes Schweigen.
*
Rachel Connor war damit beschäftigt im Garten ihres Elternhauses frisch gewaschene Laken zum Trocknen in der Sonne aufzuhängen, als Beckett sie zum ersten Mal sah. Und augenblicklich begriff, warum man darauf bestand, sie nicht mit einem fremden Mann alleine zu lassen. Mit ihrem glatten, dunklen Haar, das scharf mit den hellen Bettlaken im Hintergrund kontrastierte, dem gesunden Teint, den ebenmäßigen Zügen und den großen, tiefblauen Augen, gehörte sie unzweifelhaft zu den zehn attraktivsten Frauen die Beckett je gesehen hatte. Sie war kaum achtzehn Jahre alt aber eine dieser klassischen Schönheiten denen man schon in jungen Jahren ein würdevolles Altern vorhersagen konnte. Kurz Rachel Connor war der fleischgewordene Traum jedes Jasminer Zuhälters.
Während ihr Bruder sich missmutig am Gartentor aufbaute und die Situation argwöhnisch im Auge behielt, hielt das Mädchen inne und sah Beckett mit einem erwartungsvollen Lächeln entgegen. Es war angenehmer, hier zwischen den noch feuchten Laken zu stehen, die in einer lauen Mittagsbrise hin und her wogten und sowohl Schatten, als auch leichte Kühlung spendeten. Ein schwacher Seifengeruch hing in der Luft, der in Beckett Assoziationen mit der Waschküche des Heims weckte in dem er aufgewachsen war.
„Miss Connor“, begrüßte der Jäger das Mädchen ungewohnt höflich.
„Mr. James Beckett“, erwiderte dieses immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ich habe mich schon gefragt, wann Sie vorbeikommen würden. Nennen Sie mich bitte Rachel.“ Sie klaubte ein paar Wäscheklammern aus der unförmigen Schürze, die sie umgebunden hatte und befestigte eines ihrer Laken damit auf der Leine, die sich quer durch den gesamten Garten zog. Ohne sich umzudrehen, fragte sie über ihre Schulter an ihren Besucher gewandt: „Womit kann ich Ihnen helfen?“
„Mit Antworten, schätze ich“, erwiderte Beckett ruhig. Er rechnete nicht ernsthaft damit, dass das Mädchen ihm das geben würde wonach er wirklich suchte. Jedenfalls nicht auf dem direkten Weg. Und tatsächlich antwortete sie, sich wieder zu ihm drehend, gut gelaunt, aber unverbindlich:
„Natürlich spreche ich gerne mit Ihnen, Mr. Beckett, doch falls Sie beabsichtigen, mich nach dem Vater des Kindes zu fragen, muss ich Sie leider enttäuschen. Ich weiß nicht wer es gezeugt hat und ich werde bestimmt keine Gerüchte streuen.“
Ja. Natürlich.
Beckett musterte die Kleine kurz und zuckte ausdruckslos mit seiner gesunden Schulter. Mit einem knappen:
„Verstanden“, stimmte er ihren Spielregeln zu. Ihr Lächeln wurde etwas wärmer und der Jäger ihr gegenüber beschloss nicht lange um den heißen Brei herum zu schleichen. Schulterwunde und Hitze setzten ihm zu und inzwischen machte ihn der starke Seifengeruch der von den Bettlaken ausging benommen.
„Eigentlich“, fuhr er fort. „Bin ich hier, um über den Doc zu reden. Sie wissen schon. Den oben in den Bergen, zu dem Sie Gracie mitgenommen haben.“
Rachels Lächeln schwächte sich ein wenig ab.
„Woher“, begann sie, kam dann aber von alleine zum richtigen Schluss. „Ely.“ Der Name kam mehr als ein Seufzer denn als ein Wort von ihren Lippen und sie schaffte es wie eine schwer geplagte Frau zu klingen. Sie rieb sich kurz die Stirn und ließ das Laken, das sie in den Händen hielt in einen großen, unsauber geflochtenen Weidenkorb fallen, der zu ihren Füßen stand. Ein Mix aus Frustration und Sympathie lag auf ihrem Gesicht, als sie sagte: „Ely ist ein guter Junge, Mr Beckett, aber Sie sollten nicht auf alles hören, was er sagt.“
Ihr gegenüber zog der Jäger eine Augenbraue in die Höhe. Eine Geste der Aufforderung an das Mädchen weiter zu sprechen. Ihn interessierte nicht sonderlich, was da zwischen Rachel und Ely lief, aber der Knabe war seine einzige Quelle und hier war vielleicht die Chance etwas über den wahren Wert dieser Quelle zu erfahren. Rachel schien Jonahs Sohn nicht völlig abgeneigt zu sein und würde ein wahrscheinlich ausgewogeneres Urteil über ihn fällen können als Beckett, oder Elys eigener Vater zum Beispiel.
„Ely hat ein gutes Herz“, beantwortete das Mädchen die ungestellte Frage. „Aber es ist auch ein ungestümes Herz. Eines das nicht einsehen will, dass man manche Dinge dem Verstand überlassen muss und, dass eben diese Dinge, eine gewisse Ordnung haben. Eines Tages wird er einer Frau ein guter, treusorgender Gatte sein, doch bis dahin muss er noch lernen, nicht vorschnelle Urteile über die Entscheidungen anderer Menschen zu treffen.“
Sprach das achtzehnjährige Mädchen.
„Ihr wart zusammen und jetzt ist es aus, hm?“, schlussfolgerte Beckett, ohne sich um das blumige Gerede zu kümmern. Rachel starrte ihn verblüfft an, blinzelte einmal und bedachte ihn dann mit einem besonders frostigen Blick, der so gar nicht zu ihrem sonstigen Auftreten zu passen schien. So waren ihre Augen sogar noch schöner. Erstaunlich.
„Ja“, erwiderte sie schließlich knapp. Als müsse sie sich vor dem Jäger schützen, verschränkte sie die Arme vor der Brust, reckte das Kinn vor und fügte, fast schon trotzig hinzu: „Und mit der Zeit wird er auch einsehen, dass es besser so ist. Die Wahl meiner Eltern ist nun einmal auf Jonathan gefallen. Es ist eine gute Wahl, eine vernünftige Wahl. Jonathan ist weise, gütig und in der Lage ein Familie zu ernähren.“
Und, wenn es der Jonathan war, an den Beckett dachte, knappe dreißig Jahre älter als Rachel. Das Mädchen aber schien tatsächlich hinter der Entscheidung seiner Eltern zu stehen, denn es fügte noch hinzu:
„Nicht jeder von uns kann es sich leisten, mit dem Kopf in den Wolken zu leben.“
Womit sie den Pragmatismus der Nach-Gau-Generation in einem sehr treffenden Leitsatz zusammenfasste. Beckett selbst dachte nicht daran, ihr zu widersprechen, denn im Grunde stand ihm Rachels Lebensphilosophie sehr viel näher als Elys, der eine fast schon ungesunde Anpassungsresistenz bewies. Noch dazu interessierten ihn Arches kleine Beziehungsdramen keinen Deut, wenn es ihn nicht weiterbrachte und gerade eben waren sie dabei in für ihn gefährlich belangloses Gewässer zu schippern. Weshalb er das Mädchen zurück in die Spur brachte, indem er fragte:
„Also haben Sie Grace nicht mit zu Doc Morgan genommen?“
Rachel sah ihn einen Moment lang unentschlossen an. Mit einem weiteren Seufzer schaute sie schließlich zur Seite und warf ihrem Bruder, der es sich inzwischen auf der Veranda ein paar Meter weit entfernt bequem gemacht hatte, einen abwesenden Blick zu.
„Nur ein paar Mal“, gestand sie schließlich erstaunlich kleinlaut. „Aber -“, kam sie Becketts nächster Frage zuvor. “ – der Doktor ist nicht diese Art Mann, er hätte Gracie nie etwas getan. Es war schäbig von Ely, Dr. Morgans Namen in die Diskussion zu bringen.“
Was er im Grunde gar nicht getan hatte. Der Junge war nun einmal zu naiv, um zu ahnen, dass inzwischen alles hier in Arche das älter war als zwölf, aufrecht ging und einen Schwanz hatte, auf Becketts Verdächtigenliste stand. Aber er machte sich nicht die Mühe, das Mädchen über seinen Irrtum aufzuklären. Statt dessen hakte er nach:
„Was für ein Mann ist er dann?“
Rachel lächelte unwillkürlich. Es war ein schüchternes Lächeln, eines das von leicht geröteten Wangen begleitet wurde.
„Ein sehr nobler“, erklärte sie mit einem Strahlen in den Augen, das Beckett verriet, dass der gute alte Jonathan auf seine zukünftige Frau gewaltig würde aufpassen müssen. „Er ist sehr klug und sehr geduldig, viele hier verdanken ihm ihr Leben, wissen Sie? Nur, dass keiner es eingestehen will. Sie meiden ihn, wenn sie können. Wegen seines Makels.“
„Der da wäre?“
Rachel erwiderte Becketts Blick und das erste Mal sah er so etwas wie Bedauern darin. Ein Bedauern, dass, wie er aus ihrem folgenden Satz erfuhr, auf ihn gemünzt war.
„Derselbe unter dem Sie leiden, Mr. Beckett. Er glaubt nicht an Gott.“
Was der Jäger sich schon aus Elys Bemerkungen über den Doktor hatte zusammenreimen können.
„Und obwohl er sehr klug ist“, fuhr das Mädchen fort. „Sieht der Doktor, genau wie Sie, manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht.“
„Was genau, Miss Connor“, entgegnete Beckett. „Sehe ich denn nicht hinter all den Bäumen?“
Rachel sah ihn ernst an.
„Die größte aller Möglichkeiten“, erwiderte sie mit einem Hauch Ehrfurcht in der Stimme. „Die Möglichkeit, dass das Kind unter Gracies Herzen nicht von einem Menschen stammt.“
*
Beckett und der Glaube hatten sich noch nie füreinander interessiert. Weder vor dem GAU, noch danach, als sie sich beide um ihr eigenes Überleben hatten kümmern müssen. Und während der Glaube, in Ermangelung besserer Alternativen, mit den Sekten ins Tal gezogen war, war Beckett in Jasmin geblieben. Dem Ort an dem jede religiöse Regung schneller einging als ein Krokus im nuklearen Winter. Dementsprechend unbeeindruckt war er gewesen, als Rachel ihm einen Vaterschaftskandidaten präsentiert hatte, der so ganz bestimmt nicht auf seiner Liste aufgetaucht war.
Gott.
Die kleine Connor und einige andere Dorfbewohner nämlich schienen zu glauben, dass der Herr ein Wunder an Gracie gewirkt hatte. An der Frau, die zugleich Kind war und nach ihrer festen Überzeugung bereits durch die Art ihrer Zeugung frei von der Erbsünde. Beckett, der bemerkte, wie schwer es Rachel fiel, das Wort ‘Messias’ aus ihrer kurzen und ziemlich schnell beendeten Unterhaltung heraus zu halten, hatte sich nur noch eine Wegbeschreibung zum Haus des Doktors geben lassen und war, von Noel Connors misstrauischem Blick begleitet, von dannen gezogen.
Und so trottete er schließlich, keine zwei Stunden später im Licht der untergehenden Sonne den schmalen, ausgetretenen Pfad entlang, der ihn in die Berge führen würde. Zu einem, seiner Meinung nach, wahrscheinlicheren potentiellen Erzeuger.
Die Luft im Wald war, obwohl es kaum möglich schien, noch stickiger als im Rest des Tals. Es war fast als würde man sich durch eine zähe, sirupartige Masse kämpfen müssen, die eigentlich alles tat, um einen fern zu halten. Der zundertrockene Waldboden knisterte und knackte unter jedem Schritt des Jägers, dass es klang, als würde der Wald selbst stöhnen, als litte er Schmerzen und je weiter man sich vorankämpfte, desto lauter wurde dieses Geräusch, was hauptsächlich daran lag, dass es kaum noch andere Laute gab. Selbst die Vögel und die sonst allgegenwärtigen Zikaden schienen diesen Ort zu meiden.
Beckett wusste warum. Er kannte sich mit Masken aus. Mit denen der Menschen. Und denen der Orte an denen sie lebten. Dieser Wald, trug eine. Nach außen schien er am Sterben, fast schon tot, erstickt von der bleischweren Hitze des Sommernachmittages. Doch der Jäger konnte eine merkwürdige Art unterdrückter Energie spüren, als lauere der Wald nur auf eine Gelegenheit, sie frei zu setzen, auf eine Chance die Maske los zu werden. Tiere fühlten so etwas und Beckett, dank der Blutvergiftung, die sich langsam einen Weg in seinen Körper fraß, dem Delirium näher als irgendwann sonst in seinem Leben, spürte es ebenfalls.
Es war eine merkwürdige Erfahrung für einen Mann wie ihn. Langsam Stück für Stück die Kontrolle über seinen eigenen Körper zu verlieren. Angefangen vom inzwischen unbeweglichen, geschwollenen linken Arm, bis hin zu seiner Motorik, die mit jedem Meter, den er lief, unkoordinierter wurde. Am seltsamsten aber war das Gefühl, dass etwas dabei war in seinen Verstand zu sickern, Tröpfchen für Tröpfchen, wurde es hineingespült vom Fieber, das auf seinem Marsch in den Wald mehr und mehr Besitz von seinem Körper ergriff.
Inzwischen wusste Beckett, dass er seinen Gesundheitszustand maßlos über- und die Entfernung bis zu Morgans Hütte unterschätzt hatte. Die Pausen die er einlegen musste wurden länger und kamen in immer kürzeren Abständen. Noch dazu war die Feldflasche, die er sich von Ely geliehen und mit Wasser gefüllt hatte, schon fast leer.
Aber jetzt den Rückweg anzutreten, wäre seiner Einschätzung nach noch unsinniger gewesen. Irgendwo auf halbem Weg würde er ohne Zweifel zusammenbrechen und nicht mehr hochkommen. Womit Baruth dann auf lange Sicht doch noch zum Ziel gekommen wäre, auch wenn Beckett ernstlich bezweifelte, dass der kleine Scheißer es darauf angelegt hatte. Also lief er stur weiter geradeaus, versuchte das Gefühl der zunehmenden Verbundenheit mit seiner Umgebung, den Eindruck beobachtet zu werden, zu unterdrücken und die merkwürdigen, fremdartigen Bilder und Gedanken auszusperren, die sich hinter seine Stirn drängen wollten.
Dass er zumindest auf einen Teil seiner Eingebung hätte hören sollen, wurde dem Jäger klar, als er plötzlich Bewegungen aus den Augenwinkeln wahrnehmen konnte. Im Unterholz rechts und links von ihm, huschte etwas vorüber, überholte ihn, als würde es versuchen, ihm bei einem, nicht erklärten, Wettrennen zuvor zu kommen, um ihm den Weg abscheiden zu können.
Beckett blieb stehen und tastete aus einem Reflex heraus nach seiner Waffe. Nach der, die er an der Einfahrt zum Tal hatte abgeben müssen, wie ihm wieder schmerzlich bewusst wurde, als seine Hand ins Leere griff. Er war bereits dabei auf das Messer umzusteigen, das er verborgen unter dem Hemd im Gürtel trug, als etwas geschah, das ihn in der Bewegung innehalten ließ. Vor ihm auf dem Pfad tauchte tatsächlich jemand aus dem Unterholz auf.
Langsam und gemächlich, mit fast feierlichem Gestus, stellte sich ihm die Gestalt mitten in den Weg und zuerst glaubte Beckett, sie wäre seinem Fieberwahn entsprungen, denn so wie der Wald selbst, trug auch der Neuankömmling eine Maske.
Dort wo das Gesicht eines Menschen hätte sein müssen, fanden sich die stilisierten, archaisch anmutenden Züge eines Tieres. Eines Fuchses, um genauer zu sein. Ein langer, erdfarbener Schleier legte sich vom Haaransatz der Maske ausgehend, um die gesamte Gestalt ihres Trägers und einen Moment lang fragte Beckett sich, wie er das in der brutalen Hitzen aushalten konnte.
Der Jäger wusste, dass er in Schwierigkeiten steckte, obwohl die Gestalt sich nicht rührte und in einiger Entfernung stehen geblieben war. Er wusste es, weil er Schritte hinter sich näher kommen hörte. Weil er weitere Bewegungen im Unterholz wahrnahm und sofort begriff, dass der Fuchs nicht alleine hier war. Und er musste nicht lange warten, um seine Ahnung bestätigt zu sehen, denn noch bevor er dazu kam, irgendwas in Bezug auf seinen ersten Besucher zu unternehmen, tauchten schon zwei weitere aus dem Gebüsch links und rechts von ihm auf. Auch sie maskiert, auch sie angetan mit den Gesichtern von Tieren. Beckett glaubte einen Wolf oder Kojoten und eine Greifvogelart zu erkennen. Er hatte gerade noch Zeit einen kurzen Blick über seine Schulter zu werfen und zwei weitere Maskierte hinter ihm zu entdecken. Einen Bären und etwas, das nach einem Hirschen aussah.
Dann kamen sie auch schon über ihn.
Im Gegensatz zum Fuchs, der auch weiterhin am Rand des Geschehens verharrte, trugen seine vier Freunde keine langen Schleier. Ihre Masken bedeckten gerade mal Gesicht und Halsbereich. Auf diese Art hatten sie einen größeren Bewegungsradius, den sie, wenn auch deutlich unerfahren, zu nutzen verstanden.
Sie kämpften nicht sonderlich koordiniert und wäre der Jäger auf der Höhe gewesen, hätte er eine gute Chance gehabt mit ihnen fertig zu werden. So aber gelang es ihnen fast spielend einfach, ihn zu überrumpeln. In kompletten Schweigen, griffen sie gleichzeitig nach ihm und Beckett schaffte es nur noch, seinen Ellenbogen hochzureißen und ihm dem Kojoten ins bedeckte Gesicht zu rammen. Alles was er hörte war ein leises Schnaufen, denn die Maske war aus Holz geschnitzt und dämpfte die größte Wucht des Schlages ab. Dann stieß ihm auch schon einer seiner Angreifer das Knie ins Kreuz, um ihn zu Boden zu zwingen, während die drei anderen mit Schlägen und Tritten nachhalfen.
Der Jäger versuchte nach allen Seiten zu keilen, bekam eine Hand zu fassen, von der er nicht einmal hätte sagen können zu wem sie gehörte, wenn es ihn interessiert hätte und riss sie mit einem so kräftigen Ruck nach hinten, dass das Gelenk brach. Hinter einer der Masken ertönte ein Schmerzensschrei und plötzlich hatte Beckett es nur noch mit dreien zu tun. Doch die schien der Verlust ihres Kumpels erst richtig anzuspornen, denn sie prügelten nur noch härter auf den Jäger ein, der schon längst jeglichen Überblick verloren hatte. Seine Beine drohten einzuknicken und als einer der drei seinen, ohnehin schon arg lädierten, linken Arm erwischte, an ihm riss und nach hinten drehte, war es aus.
Jetzt war es der Jäger der schrie, als der Schmerz wie ein gewaltiger elektrischer Schlag durch seinen gesamten Körper fuhr und ihn zu paralysieren drohte. Für einen Moment war er geistig wieder voll da und nahm die Welt um sich herum so deutlich wahr wie selten zuvor. Er sah den Fuchs, der in einigen Metern Entfernung dem Schauspiel beiwohnte, reglos wie eine Statue, er fühlte das rege Interesse an seiner Person, ohne zu wissen, ob es von der vermummten Gestalt kam, von seinen Angreifern oder von etwas ganz anderem, etwas Fremden. Er konnte den stechend-trockenen Geruch des Waldgrases wahrnehmen, den keuchenden Atem seiner drei Widersacher hören, konnte ihren Herzschlag fast schon spüren und er wusste, dass auch sie schon längst die Kontrolle verloren hatte, dass sie ihn umbringen würden. Hier und jetzt.
Als er in die Knie brach, war ein Teil seines Selbst merkwürdig weit von ihm entfernt, so, dass er es kaum fühlte, als ihm der Falke das Knie ins Gesicht rammte und ihm so die Nase brach. Mit derselben Klarheit begriff Beckett, was er tun musste und dafür brauchte er nicht einmal das Wispern der fremden Stimme in seinem Verstand, die ihm einflüstern wollte, wie er sie umbringen konnte. Wie er sie umbringen musste. Das wusste er auch allein gut genug und er wusste, dass es nicht er sein würde, der den trockenen Waldboden mit seinem Blut tränken würde. Seine freie Hand tastete nach dem Messer in seinem Gürtel.
Arches Bewohner sollten nie erfahren, wie nahe daran sie gewesen waren, ein paar der ihren zu verlieren, als plötzlich sechs riesige, vierpfotige Ungetümer durch das Unterholz geprescht kamen und laut bellend die kleine Gruppe auf dem Weg einkreisten. Ihr Erscheinen riss Beckett aus seiner merkwürdigen Trance und nicht nur ihn. Fast schon erschrocken ließen seine Angreifer ihn los, so dass er kraftlos zu Boden fallen konnte. Dabei schienen es weniger die Hunde zu sein als vielmehr das Ausmaß der Verwüstung, das sie an ihrem Opfer angerichtet hatten, das sie erschütterte. Da war etwas in ihrer Art sich zu bewegen, das sie verriet, die Art, wie sie, an den Hunden vorbei ins Unterholz davonliefen. Fast steif als wären sie aus einem Traum erwacht. Beckett grinste verzerrt, ohne zu wissen, was er eigentlich so unterhaltsam fand.
Anfänger.
Er starrte reglos zum Himmel hinauf, der inzwischen fast komplett dunkel war, und sah die ersten Sterne leuchten. Irgendwann mischte sich eine Stimme in das Gebell und nervöse Winseln der Hunde. Die Stimme eines Mannes, rauh, schon etwas älter.
„Was zum Teufel?“, fluchte er. Beckett machte sich nicht die Mühe, den Kopf zu drehen.
Dr. Mark Morgan nehme ich an, ging es ihm durch den Verstand und für einen Augenblick wusste er nicht mal, ob er das tatsächlich laut gesagt hatte oder nicht.
Jemand ging neben ihm in die Knie und kurz darauf schob sich ein ungewöhnlich altersloses, bärtiges Gesicht in sein Blickfeld. Helle Augen, die dem Jäger irgendwie bekannt vorkamen, schauten ihn besorgt an. Der Ausdruck passte nicht zu ihnen, fand Beckett bei sich. Etwas daran war nicht so, wie es sein sollte, aber sein Verstand trieb viel zu sehr vor sich hin, als dass er darauf gekommen wäre.
„Ach du Scheiße!“, kommentierte der Mann den Beckett für den Doktor hielt. „Große Güte, sind Sie noch bei sich?“
Tja, dachte Beckett, dessen Sichtfeld sich immer weiter eingeengt hatte und nun langsam gänzlich schwarz wurde. Wie man’s nimmt.
*
Ryan rannte. Rannte, rannte, rannte, rannte. Hinein in die Nacht. Rannte irgendwohin. Egal wohin. Er kümmerte sich nicht um den Weg oder das Stechen in seiner Seite, solange der Takt seiner Schritte auf dem brüchigen Asphalt der Stadt nicht abriss. Rannte vor den Bildern davon, vor den Gefühlen und dem Schmerz. Rennen war gut, wenn man rannte, musste man nicht denken und Ryan wollte nicht mehr denken. Niemals mehr. Einfach nur rennen, bis ans Ende der Welt, so wie früher. Warum hatte er eigentlich jemals damit aufgehört?
06.
„Sie können die Augen ruhig öffnen, Mr Beckett. Ich weiß, dass Sie wach sind.“
Beckett zögerte nicht der Aufforderung nachzukommen. Sich weiter zu verstellen hätte keinen Sinn gehabt und ihm auch keine weiteren Informationen über Mark Morgan gebracht. Also richtete er sich so gut es eben ging auf dem schmalen Feldbett auf und musterte den älteren Mann offen. Er war bereits seit einer guten Viertelstunde wieder bei Sinnen. Zeit die er genutzt hatte sich ein Bild von seiner Umgebung und der Gesamtsituation zu machen.
Der Doktor musste nicht nur seine Nase versorgt haben, denn quer über Becketts bloßen, linken Arm zog sich ein frischer Verband, wie der Jäger ihn in so einer Qualität vor über zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Er konnte seinen sogar Arm wieder bewegen, wenn auch nicht ohne Schmerzen. Das Fieber musste zurückgegangen sein, denn hinter Becketts Stirn war die alte Ordnung wiederhergestellt. An die Ereignisse im Wald erinnerte er sich nur noch wie an einen seltsamen Traum.
Morgan hatte ihn offensichtlich in seine Hütte geschleppt, eine Blockhütte, die simpel aber effizient eingerichtet war. Mit allem was der Mann zum Leben brauchte und trotzdem mehr Heimat bot als Becketts schäbiges Ein-Raum-Apartment es je tun würde. Es war nicht unbedingt ordentlich, aber nachdem was der Jäger unter halb geschlossenen Lidern hervor beobachtet hatte, kannte der Arzt sich in seinem Chaos aus. Er fand was er suchte ohne hinzusehen, zwischen Stapeln offener und geschlossener Bücher, Holzschnitzereien in verschiedenen Stadien der Bearbeitung, ganzen Büscheln vertrockneter Pflanzen und Flaschen aus denen scharfe, aseptische Gerüche durch den Wohnraum zogen. Ansonsten war die Hütte einfach eingerichtet. Es gab das Bett auf dem Beckett lag, einen grob behauenen, mit Krempel überladenen Holztisch, zwei Stühle, eine Spüle und einen Kamin mit Sessel und einem riesigen, uralten grauschnäuzigen Hund davor, den der Jäger als den Stammvater der Meute in Verdacht hatte, die draußen vor der Hütte durch den angenehm milden Morgen tobte.
Mit einem unbehaglichen Gefühl registrierte Beckett, dass er ziemlich lange geschlafen haben musste.
„Nun“, begann Morgan, der sich einen der Stühle heranzog und vor dem Bett niederließ. Er musterte seinen Gast seinerseits interessiert und der Jäger ahnte, dass es den Arzt in den Fingern juckte, die Wunden noch einmal zu betasten und die Verbände zu checken. Doch Morgan war klug genug, jede unnütze Bewegung zu vermeiden. „Werden Sie mir erzählen, was da draußen passiert ist?“
„Ich bin die Kellertreppe hinuntergefallen“, erwiderte sein Gegenüber lapidar, ohne eine Miene zu verziehen. Die abweisende Antwort schien dem Doktor Hinweis genug zu sein, dass sein Patient die Umstände seiner gegenwärtigen Bettlägrigkeit nicht zu erörtern wünschte. Er nickte.
„Na gut, es geht mich auch nichts an. Aber Sie sollten in Zukunft besser auf sich aufpassen, Mr. Beckett, die Knochensplitter ihrer Nase hätten leicht ins Gehirn eindringen können und mit nekrotisierendem Gewebe ist nicht zu spaßen. Einen Tag länger und Sie hätten sich von Ihrem Arm verabschieden können, wenn nicht sogar von Ihrem Leben.“
Beckett verharrte ruhig, an die Wand gelehnt und betrachtete den Arzt. Er fühlte sich nicht bedroht, wenn Morgan ihn hätte beseitigen wollen, hätte er mehr als genug Zeit gehabt, während er im Halbkoma gelegen hatte. Aber trotzdem störten ihn zwei Dinge an dem Mann. Da war zum ersten das vage Gefühl der Vertrautheit, das den Jäger überkam, wenn er in die hellen Augen des Mannes schaute und das er immer noch nicht zuordnen konnte. Und dann war da der Umstand, dass der Arzt seinen Namen kannte.
„Sie wissen, wer ich bin?“, hakte er nach, ohne auf das einzugehen, was Morgan ihm gerade mitzuteilen versucht hatte. Der zuckte nun mit den Schultern.
„Natürlich. Sie sind nicht gerade unbekannt in Arche und Umgebung, mein Freund. Ich weiß schon seit zwei Tagen, dass Sie wieder im Ort sind. Gerüchte reisen nun mal selbst über die höchsten Berge und tiefsten Meere und ganz so weit wohne ich nun auch nicht entfernt. Außerdem sind wir beide uns schon einmal begegnet. Nicht, dass ich noch erwarten würde, dass Sie sich daran erinnern. Siebenundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit.“
Ein reumütiges Lächeln zerfurchte Morgans Gesicht und ließ Falten entstehen, die man sonst nicht mal erahnen konnte. Nur wenn er lächelte, sah man dem Arzt sein Alter an.
Ihm gegenüber kniff Beckett die Augen zusammen. Morgan konnte nur auf eine Sache anspielen und das war etwas, das der Jäger noch weniger debattieren wollte als seinen allgemeinen Gesundheitszustand. Aber es erklärte vielleicht wieso der andere Mann ihm bekannt vorkam.
„Sie waren dabei?“, fragte er monoton.
„Nicht beim Aufwecken“, erwiderte der Arzt und wandte den Blick zum Boden, als würde er über etwas peinlich Intimes sprechen. Was es auch war. Nicht für ihn, aber für Beckett, dem es im Grunde jedoch vollkommen egal war, erinnerte er sich doch an kaum etwas außer an die blendend grelle Reizüberflutung, die sein gesamtes System quasi kurzgeschlossen hatte. Er wollte nur einfach nicht darüber sprechen. Dinge geschahen und Dinge gingen vorbei, man konnte sie nicht mehr ändern, warum also Zeit und Energie auf sie verschwenden?
„Nein“, fuhr Morgan langsam fort. „Nicht in Lionsgate. Aber danach. Ich war in dem Team, das Emma und Ian Austen betreut hat.“
Ah, ja. Emma und Ian. Emma, die sich mit Vierzehn den goldenen Schuss in einer Busbahnhoftoilette in Cleveland gesetzt hatte und ihr Bruder Ian, der daraufhin mit einer selbst gebauten Splitterbombe am Körper einen Pick-Up- Laster gekapert hatte und in ein Restaurant gekachelt war, in dem sich die Biotechnologie-Abteilung von JasminTech Industries gerade durch ihre alljährliche Weihnachtsfeier langweilte. Ja. Emma und Ian, zwei seiner vernünftigeren ‘Geschwister’.
Morgans Hände krampften sich um die Rückenlehne des Stuhls, auf dem er verkehrt herum sah. So heftig, dass Beckett die Knöchel weiß hervortreten sehen konnte.
„Ich erinnere mich nicht an Sie“, antwortete der Jäger und holte seinen Gastgeber damit in die Gegenwart zurück.
„Das wundert mich nicht sonderlich“, sagte Morgan, jetzt wirkte sein Lächeln traurig, fast mitleidvoll und langsam fragte Beckett sich, was hier im Tal in der Luft lag, dass plötzlich jeder glaubte ihn so ansehen zu müssen. „Ich habe damals nur ab und an Conways Schichten übernommen und zu diesem Zeitpunkt waren Sie kaum ansprechbar, James. Ehrlich gesagt befürchteten wir schon, Sie hätten, ähnlich wie Grace, Schaden bei der Aufweckprozedur genommen. Sie waren fast autistisch.“
Wie sollte man sich sonst verhalten, wenn man die ersten acht Jahre seines Lebens in einem Nähstofftank herangewachsen war, einzig dazu bestimmt eines Tages als menschliches Komplett-Ersatzteillager benutzt zu werden? Natürlich hatte Beckett damals noch nicht darüber Bescheid gewusst, dass er und die dreizehn anderen seiner Art ein Experiment gewesen waren. Ein unethisches, aber wegweisendes Experiment auf dem Gebiet der Kokontechnologie. Und noch dazu ein höchst Illegales, wie das FBI befunden hatte, dessen Einsatzkommando die hochtechnisierte, unterirdische Anlage unter dem Lionsgate-Park vor etwas mehr als siebenundzwanzig Jahren gestürmt und vierzehn, knapp achtjährige Kinder in Containern mit Nährstoff-Flüssigkeit treibend, vorgefunden hatte.
Die Nachrichten waren voll gewesen von Berichten über diese unheimlichen Kinder und die bizarren Experimente die JasminTech Industries im Verborgenen gefördert hatte. Natürlich ohne Wissen des Vorstands und leitender Chefingenieure, wie der PR-Sprecher des Konzerns eilig hatte verlauten lassen.
Beckett hatte der Rummel um seine Person schon damals herzlich kalt gelassen, sich seiner selbst kaum bewusst, hatte er noch zu entscheiden versucht, ob es alles der Mühe überhaupt wert war. Ob er überhaupt auf dieser lauten, stinkenden, grellen Welt sein wollte. Dann war er Gracie begegnet. Gracie, die noch schlechter stehen konnte als er und keine drei Worte zu brabbeln vermochte, einfach weil irgendein Idiot ein falsches Kabel zum falschesten Zeitpunkt aus ihrem Tank gezogen hatte. Gracie, seiner Zwillingsschwester, die zwar kaum etwas von dem was um sie herum geschah verstand, aber an allem Freude zu haben schien. Die lachte und auf diese neue Welt reagierte und lebte.
Von all den Eindrücken in jenen Tagen gab es nur zwei, die Beckett bis heute behalten hatte. Dieses allgegenwärtige, dumpfe Gefühl der Gleichgültigkeit, das ihn stets und überallhin begleitete und das Wissen, dass er alles, einfach alles tun würde, um Gracies Lachen in der Welt zu halten.
„Sind Sie der Vater, Doc?“, fragte der Jäger und wechselte damit so abrupt das Thema, dass Morgan nicht hinterherkam. Er blinzelte und schien einen Moment lang zu brauchen, um überhaupt zu begreifen, was sein Patient eigentlich meinte. Als er es endlich begriff, weiteten sich seine Augen.
„Was zum Teufel soll das?“, entfuhr es ihm in schockierter Entrüstung. „Denken Sie wirklich, ich hätte es nötig, mich an Grace, an einem Kind, zu vergreifen?“
Nein, wohl eher nicht. Nicht, wenn man regelmäßige Besuche von Rachel Connor erhielt, die mehr als willig schien, den guten, alten Doc wenn nötig auch mit Hilfe der Schlangenschlinge auf die Seite Gottes zu zerren. Obwohl Morgan wahrscheinlich nicht mal diese Gelegenheit beim Schopfe packte, sie vermutlich nicht einmal bemerkte.
„Das beantwortet meine Frage nicht, Doktor“, gab Beckett ungerührt zurück. Was Morgan noch sehr viel mehr zu verblüffen schien, als die Unterstellung an sich. Es machte deutlich, wie wenig Kontakt er in den letzten zwanzig Jahren zu anderen Menschen gehabt haben musste, wenn er glaubte Umgangsformen wären noch in Mode.
„Meine Güte, sind Sie immer so, James?“, wollte er wissen. „Wenn ja, glaube ich, dass ich sie lieber mochte, als sie katatonisch waren.“ Er schüttelte den Kopf und mit der Bewegung schien auch seine Wut zu verfliegen. „Nein. Ich bin nicht der Vater von Grace’ Ungeborenem. Und bevor Sie fragen, nein ich habe auch keine Ahnung, wer es sein könnte. Dieses eine Gerücht scheint schon an den Hügeln vor meiner Haustür zu scheitern. Zufrieden?“
„Nein“, gab Beckett wahrheitsgemäß zurück. „Aber ich glaube Ihnen.“
„Na, da bin ich ja beruhigt.“
Einen Moment lang starrten die beiden ungleichen Männer sich an. Es war Beckett, der das Schweigen brach, als er sagte:
„Erzählen Sie mir was über die Götter, Doc. Über die Götter der Abato.“
„Die Götter? Ich habe Sie nicht für einen Mann gehalten, der sich für Mythologie interessiert, James“, kam die Antwort von Morgan. Jetzt klang er misstrauisch. Nur ein wenig. Wie jemand, der sich bemühte hinter die Motive einer Person zu gelangen, die er nicht im Geringsten verstand.
„Sagen wir mal, ich und die spezielle Mythenwelt dieser Gegend entwickeln gerade ein gewisses gesteigertes Interesse aneinander“, antwortete Beckett, an seine Begegnung auf dem Waldweg zurückdenkend.
Ihm gegenüber stand Morgan von seinem Stuhl auf und seufzte.
„Das kann etwas länger dauern. Ich denke ich mache uns besser einen Tee.“
Während er sich in der kleinen Küche der Hütte zu schaffen machte und Feuer in einem alten Kohleofen entfachte, erhob sein Besucher sich von der schmalen Liege und wanderte ziellos durch die Stube. Es wurde langsam unangenehm warm in der Hütte, draußen musste bereits der Mittag heraufziehen und die Hundemeute hatte sich irgendwo zum Dösen in den Schatten der Bäume zurückgezogen. Ähnlich wie ihr Stammvater, der auf einem alten, fadenscheinigen Bärenfell am Kamin vor sich hinschnarchte.
Eine Weile lang betrachtete Beckett, eher desinteressiert die primitiven Malereien an den Wänden der Hütte. Morgan schien sie selbst gezeichnet zu haben. Tribal-Motive, mal stilisiert, mal ziemlich kunstfertig ausgearbeitet. Sie passten zur Hütte. Anders als das Foto, das Beckett auf dem überfüllten Arbeitstisch des Doktors entdeckte und das ein viel interessanteres Motiv hatte. Überrascht betrachtete der Jäger die grobkörnige Schwarz-Weiß Fotografie einer jungen Frau.
Helena Goodwyn war wirklich schön gewesen.
Gegen seinen Willen fasziniert nahm Beckett das Bild vom Tisch und betrachtete die Aufnahme genauer. Sie musste nach dem GAU entstanden sein, die schlechte Qualität des Fotos und die Trümmerlandschaft im Hintergrund, sprachen dafür. Sie hatte das Haar unter einem Tuch zusammen gebunden und eine Schaufel in der Hand. Derbe Männerkleidung verbarg ihre Figur. Sie sah müde aus, aber entschlossen und versprühte selbst in diesem, für die Ewigkeit festgehaltenen Augenblick, eine ungeheure Energie.
Hinter Becketts Stirn rastete ein Rädchen ein.
„Sie waren nach dem GAU noch in Jasmin?“, fragte er an Morgan gewandt, ohne den Blick vom Bild zu nehmen.
„Ein paar Jahre“, antwortete der Arzt und setzte einen Kessel auf den Kohleofen. „Ich habe mein Bestes versucht, beim Wiederaufbau zu helfen.“
Beckett warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Warum sind Sie gegangen?“
Jetzt sah Morgan zu ihm und entdeckte das Bild in seiner Hand.
„Für jemanden der selbst nicht gerne antwortet, stellen Sie sehr viele Fragen, James“, bemerkte er trocken, fast schon etwas bitter. Er wandte sich ab und sah aus dem Fenster. Sein Gast ließ ihm Zeit. Es war nicht so, dass ihn die Neugier gequält hätte. Alles was er wollte war eine Bestätigung, für die Idee, die in seinem Geist Gestalt angenommen hatte. Darüber, weshalb Morgan ihm so bekannt vorkam. Woher er diese Augen kannte. Und tatsächlich fuhr der andere Mann nach ein paar Sekunden mit einem Seufzer fort: „Wissen Sie, manchmal entdecken zwei Menschen, dass sie zwar dasselbe Ziel haben, den Weg dahin aber in unterschiedliche Richtungen nehmen möchte. Dann ist es manchmal besser, wenn man eben diese Wege getrennt voneinander geht, bevor keiner von beiden das Ziel erreicht, oder der Stärkere den anderen einfach mit sich fortreißen kann. Verstehen Sie?“
Er sprach langsam, so als würde er mehr mit sich selbst reden als mit Beckett, der in diesem Moment begriff, dass Rachel so oft hier hoch kommen und Morgan anhimmeln konnte wie sie wollte, ohne, dass sie ihr Ziel jemals erreichen würde. Der Doktor brauchte keinen Gott, er hatte die Erinnerung an Helena, die eifersüchtig über ihn wachte und ihn gleichermaßen strafte.
„Mhm“, erwiderte der Jäger nur und beobachtete, wie Morgan den Tee aufgoß.
„Gibt es einen besonderen Grund, aus dem Sie fragen?“
Der Arzt reichte Beckett eine der Tassen und warf ihm einen neugierigen Blick zu. Aus Augen, wie der Jäger sie das letzte Mal in einem heruntergekommenen Lagerhaus gesehen hatte, glitzernd im Wahn.
„Nein“, log er ungeniert, stellte das Bild ab und nahm die Tasse entgegen. „Reine Neugierde.“
Er folgte Morgan, der ihn zu einem großen glänzenden Bildband über die Abatokultur führte, trank einen Schluck des heißen Tees und fragte sich im Stillen, ob der Doc jemals erfahren hatte, dass er Vater eines Sohnes gewesen war.
*
„Erzähl mir eine Geschichte, Jimmy!“
„Ich kenne keine Geschichten, Gracie-Baby.“
„Jeder kennt Geschichten.“
„Aber nicht jeder kennt schöne Geschichten.“
Grace Beckett zog eine Schnute und stupste ihrem Bruder mit dem Fuß gegen das Bein.
„Bitte, Jimmy“, quengelte sie. „Nur eine kleine.“
Beckett, der ausgestreckt auf seinem Feldbett lag, nahm den Arm herunter, den er über seine Augen gelegt hatte und musterte sie kurz.
„Ich denk mir eine aus, okay, Gracie?“
Wirklich überzeugt schien seine Schwester nicht zu sein, doch sie wusste, wann es keinen Sinn hatte, ihn weiter zu bedrängen. Seit Beckett vor zwei Tagen von Morgan hier abgeliefert worden war, schien sie es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, ihren Bruder auf Teufel komm raus zu unterhalten. Sie hockte fast den gesamten Tag über am Fußende des Bettes und erzählte vor sich hin. Manchmal spielte sie ihm etwas mit ihren Puppen vor, sang oder zeigte ihm eines der abgewetzten Bilderbücher, die noch aus ihrer gemeinsamen Zeit im Heim stammten. Dabei kam ihr nicht ein einziges Mal in den Sinn, dass einfache Ruhe ihm schon genügt hätte.
Jimmy war krank, Jimmy musste gepflegt werden und ein anderer schien sich ja nicht dazu bereit zu finden.
Beckett störte es nicht sonderlich, solange Grace nicht erwartete, dass er sich in kreativer Weise an der Sache beteiligte. Er war nie gut im Spielen gewesen, schon als Kind nicht und als seine Schwester ihn vor vielen, vielen Jahren mal gefragt hatte, woran das läge, hatte er ihr erklärt, dass er sich nicht dafür interessiere, dass er wohl nicht genug dafür fühlen könne. Gracies lapidare Antwort hatte gelautet:
„Dann fühle ich eben für uns beide mit.“
Manchmal schien sie das zu vergessen, doch trotzdem fragte sie jetzt:
„Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“
„Ich bin ziemlich müde, Gracie-Baby. Ich glaube ich wäre jetzt kein guter Zuhörer“, erwiderte Beckett. Es war die Wahrheit. Die Hitze über dem Tal hielt unvermindert an und machte immer noch jede Bewegung zur Qual. Und auch wenn der Jäger sich schon um einiges besser fühlte als noch vor ein paar Tagen, so machten ihm seine Nase und die Schulter immer noch zu schaffen. Dieses eine Mal hatte er auf die Empfehlung eines Arztes gehört und seinem Körper die Ruhe gegönnt die der benötigte. Nicht ganz ohne Hintergedanken allerdings, denn Beckett benötigte Zeit, ein paar der Dinge die hier geschehen waren, in einen Kontext einzuordnen.
Nicht, dass Morgans Geschichten über die Abato und ihre Geisterwelt ihm sehr viel weiter geholfen hätten. Es waren die üblichen Mythen und Legenden eines Volkes das ausgestorben war, nachdem es in zu intensiven Kontakt mit den Vorfahren des Doktors gekommen war. Und im Grunde erfuhr Beckett von Morgan nicht mehr als von Ely, der ihm ja bereits eine Kurzfassung gegeben hatte. Der Stamm hatte tatsächlich Götter in Gestalt von Tieren verehrt, oder genauer gesagt ihre Eigenschaften. Eine besonders hervorgehobene Stellung hatte dabei, was den Jäger nicht wirklich überraschte, der Fuchs inne gehabt. Mit seinem Listenreichtum und seiner Kunst zu überleben.
Becketts Gedanken drehten sich seit zwei Tagen um den Fuchsgott. Nicht so sehr um den mythologischen, als viel mehr um sein reales Abbild im Wald. Und noch sehr viel mehr hatte er begonnen, sich für den Fuchs zu interessieren, seit er sich am gestrigen Tage mal die Zeit genommen hatte, sich Gracies Bilder anzuschauen. Die, die sie so gern malte.
Stolz hatte seine Schwester ihm ihre gesammelten Werke gezeigt, wobei sie immer wieder zur Tür geschaut hatte, ob Theresa in der Nähe war. Ihre Gastmutter hielt nämlich nichts vom Zeichnen und hielt Grace immer wieder die Papierverschwendung vor. Was Beckett dazu veranlasste ein kurzes Gespräch mit Theresa zu führen, als sie ihm am Tag darauf eine Suppe nach oben brachte. Über ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Kost und Logis für Grace. Am Ende kamen sie überein, dass Becketts Schwester von nun an malen durfte soviel und was immer sie auch wollte und dass Theresa, zukünftig schlicht und ergreifend die Klappe darüber halten würde.
Grace’ Zeichnungen nämlich waren nicht nur hübsch anzusehen, sie waren auch überaus aufschlussreich. Zumindest für Beckett, der ein paar ziemlich gute Bekannte auf ihnen entdeckte, denn Gracie zeichnete mit Vorliebe ihre besten Freunde. Einen Kojoten, einen Falken, einen Hirsch, einen Bären und einen Fuchs. Immer wieder tauchten diese fünf Gestalten in den Bildern auf. Zusammen mit einer kleinen, kindlichen Grace, die mit ihnen um einen Stein herumtanzte.
Zumindest blieben sie für eine Weile fünf. Irgendwann aber begann einer zu fehlen auf den Darstellungen. Was Beckett mit der Frage:
„Hey, Gracie-Baby, wo ist der Fuchs geblieben?“, quittierte.
Woraufhin seine Schwester mit den Schultern gezuckt und erwiderte hatte:
„Nicht mehr da.“
Eine Aussage, die bei ihr alles Mögliche bedeuten konnte. Doch Beckett, dem bereits etwas dämmerte, hatte nachgehakt.
„War er ein Arschloch, Gracie?“
Arschloch, ihr Codewort für alle, die seiner Schwester jemals weh getan oder sie ausgelacht hatten. Und Grace hatte nur die Lippen zusammengekniffen, genickt und erwidert.
„Ein ganz großes, Jimmy.“
Seit diesem Moment interessierte Beckett sich wirklich brennend für den Fuchs. Doch Grace sprach nicht mehr über ihn und so ließen sie das Thema ruhen. Der Jäger wusste, dass er sich darum kümmern würde. Später, wenn seine Schwester nicht in der Nähe war. So wie früher. Ganz genau so wie früher.
„Wie soll ich sie nennen?“
Beckett konzentrierte seine Aufmerksamkeit wieder auf Grace, die ihm gegenüber saß und ihn mit ihren großen, leuchtenden Augen ansah.
„Wen?“, fragte er irritiert.
„Na mein Kind“, sagte sie mit einem Hauch Ungeduld in der Stimme. „Ich bekomme doch eins.“ Sie lächelte und begann auf dem Bett auf und ab zu wippen. „Weißt du, wenn es ein Junge wird, nenne ich ihn Jimmy. Jimmy Beckett Nummer zwei. Aber es kann ja auch ein Mädchen werden, oder? Glaubst du es wird ein Mädchen?“
„Möglich“, erwiderte Beckett einsilbig. Er hatte keine Ahnung, was er überhaupt von dem Kind halten sollte, das in Grace heranwuchs. Es kümmerte ihn nicht sonderlich, immerhin war es nichts mehr als der sichtbare Beweis für die Vergewaltigung seiner Schwester. Doch die schien sich inzwischen regelrecht darauf zu freuen und der Jäger wusste nicht, was er davon halten sollte. Sie konnte unmöglich ahnen, was es bedeutete ein Kind groß zu ziehen. Ein Lebewesen, das atmete, schrie und Aufmerksamkeit verlangte, die Fähigkeit sich zu konzentrieren. Das war was anderes, als Puppen durch die Gegend zu tragen und Teepartys mit ihnen zu veranstalten.
„Ich könnte sie nach unserer Mommy nennen“, fuhr Grace jetzt fort und schob die Unterlippe vor. „Was glaubst du, wie Mommys Name ist, Jimmy?“
Es war schon faszinierend, wie seine Schwester es verstand, ihm all die Fragen zu stellen, die er unter Garantie nicht beantworten konnte, fand Beckett. Früher, im Heim, hatte er versucht ihr zu erklären, dass sie keine Mutter hatten. Nur eine fremde Frau, die ein paar tausend Zellen gespendet hatte, von denen nur zwei es geschafft hatten, Menschen zu werden. Dass sie wahrscheinlich eine arbeitslose Schauspielerin oder klamme Studentin gewesen war, die das Geld benötigt hatte und nicht mal mehr im Traum an ihre gespendeten Eier dachte. Aber so etwas wie Realität interessierte Gracie grundsätzlich nicht. Für sie lebte ‘Mommy’ irgendwo in einem fernen Land mit Drachen und Zauberern und sie war eine gute Hexe und musste den Menschen helfen, weswegen sie noch nicht zu Jimmy und Gracie hatte zurückkommen können, ihren Kindern, die sie, selbstverständlich heiß und innig liebte.
Eigentlich hatte Beckett Gracies Version der Dinge schon immer besser gefallen.
„Keine Ahnung“, sagte er nun. „Ich denk mal darüber nach, okay?“
„Okay“, zirpte seine Schwester. „Dann sag ich Mattie, dass er mir die Liste nicht schreiben braucht. Er wollte mir nämlich eine machen, weißt du? Mit Mädchennamen. Gleich wenn seine Hand wieder heil ist.“
Beckett musterte Grace, fast schon lauernd, unter halbgeschlossenen Lidern hervor.
„Was ist denn mit Matthews Hand, Gracie-Baby?“
„Er hat sich weh getan. Auf dem Feld. Seine Hand ist jetzt ganz kaputt“, erklärte seine Schwester ihm mitleidig. „Sie haben einen Verband drum herum gemacht und er muss so eine komische Schlinge tragen. Armer Mattie.“
Ja, in der Tat. Armer Mattie. Becketts Verstand begann Kreise zu ziehen und dieses Mal war nicht der Fuchs im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Er musste wirklich dringend mit Jonahs Ältestem plaudern. Über dies und das und maskierte Ausflüge in die Wälder. Wirklich, wirklich dringend.
„Und?“, unterbrach Grace einmal mehr seine, wenig heiteren, Überlegungen. „Hast du dir eine ausgedacht?“
Beckett, der sich langsam wieder an die Gedankensprünge seiner Schwester gewöhnte, wusste, dass sie von der Geschichte sprach, die sie so unbedingt hören wollten. Und für den Moment fühlte er sich tatsächlich ausgeglichen genug, ihr eine zu erzählen.
„Klar“, erwiderte er und richtete sich ein wenig auf. „Sie handelt von einem Mädchen namens Tracie und von ihrer Mutter, einer mächtigen Hexe, die in einem Land ganz weit weg lebte.“
Grace wackelte aufgeregt auf dem Bett hin und her.
„War die Mutter denn eine gute Hexe, Jimmy?“
Beckett schenkte ihr ein knappes Lächeln.
„Die beste, Gracie-Baby. Die beste von allen.“
07.
Beckett hätte es sich einfach machen und auf Matthew Seevers losgehen können, wie er es in Jasmin ohne Zweifel getan hätte.
Statt dessen wartete er.
Jonahs ältester Sohn mied ihn wo nur möglich und der Jäger ließ ihn. Er wusste, dass seine übliche Vorgehensweise ihm nicht weitergeholfen, dass Matthew ihm den Fuchs nicht ausgeliefert hätte. Und so verlegte Beckett sich darauf, in der flirrenden Hitze des Tages auf der Veranda des kleinen Hauses zu sitzen und zu beobachten, was um ihn herum geschah. So lange wie dieses Mal war er noch nie in Arche gewesen, weshalb er sich niemals mit den Einwohnern des Ortes hatte beschäftigen müssen.
Sein Interesse an ihnen war inzwischen nicht sonderlich gestiegen, aber ihm war auch bewusst, dass er die Antwort auf seine Fragen nur in ihrem Tagesablauf, in ihren Gewohnheiten, fand. Und da er bis jetzt weder das Dorf abgefackelt, noch jemandes Erstgeborenen gefressen hatte, begannen die Bewohner auch mehr und mehr damit, ihre ihre alten Gepflogenheiten wiederaufzunehmen. Unabhängig davon, ob Beckett nun in ihrer Mitte hockte, wie eine Schlange, die sich auf einem warmen Stein in der Mittagssonne wärmte oder nicht. Sie verabredeten sich zu ihren Bibelkreisen, den Bridgeabenden, zum Gemeindepicknick und dem gemeinsamen Kirchgang.
Auf diese Weise fand Beckett ziemlich schnell heraus, wer zu wem in welcher Beziehung stand. Allein schon die Art auf die man sich begegnete, oder eben nicht, sagte eine Menge über sie aus und für eine Weile vertrieb der Jäger sich die Zeit damit, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen zu analysieren. Die Blicke, die sie sich zuwarfen, wenn sie dachten niemand sähe sie. Verstohlene Gesten, eilig zusammen gesteckte Köpfe. Es war als würde man einen fremden Stamm irgendwo im Amazonasgebiet beobachten, fand der Jäger. Da war soviel Heimlichkeit in den Beziehungen der Menschen in Arche wie er sie in Jasmin noch nie erlebt hatte.
In Jasmin, dem Moloch im Osten, dem nichts Menschliches fremd war. Und nichts Unmenschliches. In Jasmin, wo niemand es für nötig befand die eigenen Wünsche und Lüste zu verbergen, egal welcher Natur sie sein mochten, weil es schlicht niemanden gab der genug Interesse gehabt hätte einen dafür zu richten. Wollte man seines Nachbarn Weib? Kein Problem, man musste nur sicherstellen, dass man schneller abdrücken konnte als er. Bevorzugte man Kinder? Noch weniger ein Problem, an jeder Straßenecke bekam man drei zum Preis von einem und konnte noch dazu ihrer Mutter dabei zusehen, wie sie sich das Hirn rauskokste, während man versuchte zu entscheiden, welches ihrer mageren, apathischen Bälger man als erstes auf die dreckige Matratze zerren wollte. Oder stand man darauf Menschen umzubringen? Hey, nur zu, solange man nicht zu viele der einträglicheren Nutten erwischte, dann nämlich wurden die Gangs nervös und wenn die Gangs nervös wurden, wurde das Syndikat nervös und wenn das Syndikat nervös wurde, hatte man letztlich Wexler am Arsch.
Jasmin war, was passierte, wenn sich zu wenig gekümmert wurde.
Arche war, was passierte, wenn sich zu viel gekümmert wurde.
Beckett konnte es in den Blicken lesen. Die nahezu überall greifbare Angst. Angst davor etwas Unangemessenes zu tun. Jemanden zu lange anzusehen und damit Gerüchte zu provozieren. Einen anderen Mann als den eigenen anzulächeln, aus Furcht vor den missbilligenden Blicken aus argwöhnischen Augen. Augen, die alles sahen, denen kein noch so winziger Fehltritt entging, die alles registrierten und summierten, zu einem Sündenkonto, das einen schnell an den Rand der Gemeinschaft brachte. In schlechten Ruf und damit in die allgegenwärtige Gefahr, ausgeschlossen zu werden. Das Tal womöglich verlassen und Zuflucht im Babylon im Osten suchen zu müssen. Zusammen mit all dem anderen Aussatz der Menschheit.
Eins wie das andere System schien den Menschen, die in ihm leben mussten nicht sonderlich gut zu bekommen. Beckett, kam aus dem einen und lernte das andere langsam kennen. Die Regeln, nach denen hier gespielt wurde, waren tatsächlich so grundverschieden von denen Jasmins, wie nur vorstellbar. In Jasmin musste er seinen Informationen hinterherjagen. Hier, wurden sie praktisch frei Haus geliefert, wenn man nur lange genug dasaß, wartete und sich wenigstens ein bisschen aufs menschliche Naturell verstand.
Die Einwohner Arches verrieten ihm zwar nicht, wer der Fuchs war, doch sie zeigten ihm, wer Matthews Genossen sein konnten. Einfach durch die Art und Weise, wie nur bestimmte Mütter vor der Veranda mit Theresa schwatzten und nur bestimmte Väter um Rat bei Jonah nachfragen durften. Wie sie über die Aktivitäten ihrer Kinder sprachen, darüber, wer für wen zur Heirat vorgeschlagen wurde, welche Tätigkeiten ihre Sprösslinge gemeinsam verrichteten und welche Ehrenämter sie inne hatten. Nach und nach kristallisierte sich Matthews Umfeld, aus einem Wust, nur scheinbar unverfänglicher unzusammenhängender, Informationen immer deutlicher heraus. Und je klarer Becketts Blick auf das Leben des Jungen wurde, desto häufiger fielen drei ganz bestimmte Namen.
Alles was Beckett jetzt noch benötigte, war eine Gelegenheit, Matthew und seine Freunde alleine zu erwischen. Also wartete er weiter.
Und machte Jonah damit nervös.
Schon seit ein paar Tagen schlich der Vorsteher wie Falschgeld um ihn herum. Warum er das tat, war dem Jäger klar, denn man konnte viele Dinge über Jonah Seevers sagen, aber dumm war er nicht. Er hatte vermutlich nicht sehr viel Zeit benötigt, um die Verbindung zwischen Becketts zertrümmerter Nase und der gebrochenen Hand seines Sohnes herzustellen. Und dass Matthew offensichtlich auch ihn belog, schien ihm Beweis genug, für seine Vermutung. Natürlich hatte er gar nicht erst versucht eine Erklärung von Seiten seines ungebetenen Gastes zu erhalten. Seit ihrem Zusammenstoß kurz nach Becketts Ankunft, hatte der alte Seevers sich darin geübt, den Jäger möglichst gekonnt zu ignorieren.
Etwas das sich zu ändern schien, wie Beckett knapp eine Woche nach seiner Begegnung im Wald feststellen konnte. Er saß wie schon seit Tagen auf der Veranda und wartete auf Informationen, darauf, dass sich ihm eine Gelegenheit bot, Matthew und seinen Freunde alleine zu begegnen, als er plötzlich das Knarren von Dielenbrettern hinter sich hörte, gefolgt von Jonahs Stimme.
„Du musst gehen“, war alles was er sagte.
Beckett wandte sich nicht um, als er antwortete:
„Ich weiß.“
Und er wusste es tatsächlich. Er konnte es unter der trügerisch ruhigen Oberfläche des Dorffriedens brodeln spüren, irgend etwas ging hier vor sich, auch wenn er nicht genau zu sagen vermochte, was es war. Jonah schien mehr zu wissen, doch er war nicht der Typ Mann, der Informationen freiwillig teilte. Schon gar nicht mit Beckett und trotzdem war etwas anders an ihm. Er schien viel weniger auf Konfrontation aus als noch zwei Wochen zuvor. Im Gegenteil, er wirkte müde, fast resigniert, so als hätte er ganz andere Sorgen als den Jäger in ihrer Mitte. In seiner Stimme lag nicht der geringste Triumph.
„Zwei Tage, James. Ich kann dir noch zwei Tage geben, wenn du dann nicht weg bist, werde ich auch Grace fortschicken.“
Er war ihm ernst, obwohl ihm klar sein musste, dass er damit das Todesurteil seiner Kommune unterschrieb. Dass die anderen Sekten nicht lange warten würden, bis sie das Land der Adventarier unter sich aufteilen, die willigeren Bewohner in ihre Gruppen assimilieren und die unwilligeren aus dem Tal jagen würden. Hier, wie in Jasmin herrschte letztlich doch das Recht des Stärkeren, auch wenn Beckett nicht wusste, was so gravierend sein konnte, dass es Jonah dazu brachte, seinen jahrelangen Kampf aufzugeben, seine Leute ihrem Schicksal Preis zu geben. Es passte nicht zu einem Kontrollfreak wie ihm.
Der Jäger aber war nicht wirklich an Seevers Motiven oder seinen Grabenkämpfen interessiert. Politik spielte für ihn nur dann eine Rolle, wenn es an ihr zu verdienen galt. Nicht umsonst gehörten sowohl Helena Goodwyn als auch das Syndikat zu seinen besten Auftraggebern. Und was Jonahs Ultimatum betraf, so war es Beckett ziemlich gleichgültig.
„Keine Sorge, mehr brauche ich auch nicht“, war alles was er lakonisch erwiderte, als er starr auf die helle, staubige Hauptstraße des Dorfes blickte, die sich, vom grellen Sonnenschein beleuchtet in seine Retina zu brennen schien.
*
Arches Gemeindesaal war in der Regel ein beschaulicher Ort. Ein Hort der kollektiv begangenen Unterwerfung unter Jonah Seevers Willen, zu der meist Tee und Kuchen gereicht wurde. Zwei mal im Jahr wurden hier Tiere oder Kürbisse ausgestellt, manchmal führten die Kinder ein Schauspiel aus der Bibel vor, meistens aber nutzten ihn die vielen kleinen Heimatgruppen, die sich unterschiedlichen wohltätigen Zwecken verschrieben hatten. So wie in dem Moment, in dem Beckett kräftig die schweren Flügeltüren aufstieß und damit eine Sitzung des Folklorevereins junger Adventarier sprengte, der aus genau vier jungen Männern bestand. Von denen Matthew Seevers einer war.
Zu seiner Zufriedenheit konnte der Jäger feststellen, dass die Folkloristen ihre Treffen offenbar sehr ernst nahmen, denn sie waren in Vollzahl anwesend, es wäre doch auch schade gewesen, wenn einer von ihnen die Party verpasst hätte.
Drei der jungen Männer waren bei seinem Eintritt aufgesprungen. Matthew war einer von ihnen. Die Augen weit aufgerissen starrte er Beckett an als hätte er eine Erscheinung, warum es ihn so wunderte, den Jäger zu sehen, war diesem ein Rätsel – der Junge konnte nicht ernstlich geglaubt haben, dass er vom Haken war.
Sein Schrecken hielt ihn aber nicht davon ab, mit einem verzerrten Lächeln auf den unerwünschten Besucher zu zulaufen und mit ungewohnt hoher Stimme ein:
„Mr – Mr. Beckett, können wir Ihnen irgendwie helfen?“, zu quäken.
Der Jäger lief achtlos an ihm vorbei, weiter in den Saal hinein und genau auf den Jungen zu, der bei seinem Eintritt sitzen geblieben war und ihm nun herablassend entgegen starrte. Seine ganze Haltung drückte jugendliche Verachtung aus. Für den Fremden aus der Stadt und auch für die eigenen Freunde, die bei dessen Anblick aussahen, als wollten sie am liebsten auf den nächsten Baum flüchten. Beckett suchte sich den Burschen gezielt aus und blieb dicht vor ihm stehen. Rechts und links von ihm wichen die zwei anderen Jungen beiseite, als hätte ihr Kumpel plötzlich die Lepra.
„Du bist Peter, mhm?“, fragte der Jäger ruhig.
„Ist ja kein Geheimnis“, maulte der Bursche zurück. Ein geringschätziges Grinsen kroch auf seine Lippen, während er Beckett von unten herauf anfunkelte. „Nicht sehr beeindruckend, für so einen großartigen Detektiv!“
„Da hast du Recht“, stimmte Beckett ihm mit einem schmallippigen Lächeln zu und rammte ihm die Faust ins Gesicht. Der Kopf des Jungen flog nach hinten, Blut spritzte in einer grotesken Fontäne aus seiner gebrochenen Nase. Die ungläubige Überraschung stand dem Knaben noch ins Gesicht geschrieben, als der Jäger seinem Stuhl einen Tritt gab, der ihn nach hinten beförderte. Der Knall, mit dem er aufschlug, schien seine Freunde aus ihrem Schock zu reißen, denn plötzlich lag da eine Hand auf Becketts Schulter, die dort eindeutig nicht hingehörte. Der Jäger griff danach und drehte sie, ohne sich umzusehen, mit einem kräftigen Ruck herum. An der Stimme erkannte er, dass Matthew Seevers jetzt nicht mehr nur eine gebrochene Hand hatte.
Vor ihm kam Leben in die beiden anderen Folkloristen, von denen Beckett einen anhand eines blauen Auges als den Träger der Kojotenmaske identifizierte. Der andere passte von der Statur her zum Angreifer in der Bärenmaske, er wirkte kräftig, war aber zu langsam. Viel zu langsam. Und zu zögerlich, genau wie sein Freund – ohne ihre Masken waren sie nicht mehr als zwei verunsicherte Teenager. Beckett hatte leichteres Spiel mit ihnen als gedacht, denn für den Bärenjungen reichte schon ein unspektakulärer, kräftiger Tritt zwischen die Beine, um ihn außer Gefecht zu setzen. Sein Freund, der Kojote schien sich noch gut genug an das letzte Mal zu erinnern denn er ergriff spontan die Flucht.
Kopflos stürmte er aus dem Saal, hinaus in die gleißende Nachmittagshitze.
Der Jäger ließ ihn gewähren, sein Interesse galt einzig Matthew, der keine fünf Meter hinter ihm zusammengekrümmt am Boden lag und mit den steifen Fingern seiner gebrochenen linken Hand, das Gelenk der rechten zu umklammern versuchte. Er atmete ganz flach und hastig, so als könne das den Schmerz lindern. Mit fiebrig glänzenden Augen sah er panikerfüllt zu Beckett der sich zu ihm umgedreht hatte und jetzt näher kam.
In einem verzweifelt fruchtlosen Fluchtversuch, bemühte der junge Seevers sich, vor seinem Peiniger davon zu robben. Der allerdings hatte nicht die geringste Mühe, ihn einzuholen. Ohne eine Miene zu verziehen, stellte der Jäger dem Jungen einen Fuß auf das gebrochene Gelenk.
Matthew schrie vor Schmerz und zuckte zusammen, als hätte ihn ein Stromschlag getroffen.
„Es ist nicht gerade höhere Mathematik, Mattie“, erklärte Beckett ihm durch das abebbende Wimmern hindurch. Seine Stimme war kalt und mitleidlos. „Sag mir was ich wissen will und du kannst zu deiner Mom. Spiel den Klugscheißer und das hier wird noch sehr viel länger dauern.“ Zur Untermalung seiner Worte verlagerte er etwas mehr Gewicht auf den Fuß, der den lädierten Knochen des Jungen traktierte.
Ein Keuchen drang aus dem Mund des Jungen. Eines das wie:
„Dad!“, klang.
Beckett zuckte leidenschaftslos mit den Schultern.
„Der wird nicht kommen, Mattie“, erwiderte er ruhig. „Weißt du, ich denke er weiß, was du und deine Freunde da draußen in den Wäldern so treiben. Und ich glaube nicht, dass es ihm sonderlich gefällt.“
Speichel und Tränen mischten sich auf dem Fußboden unter dem Gesicht des Knaben. Irgendwo hinter Beckett stöhnte der Bärenjunge. Klang ein schleimig-blutiges Gurgeln hinter dem umgefallenen Stuhl hervor. Der Jäger nahm es nur teilweise wahr. Seine Aufmerksamkeit galt allein Matthew Seevers.
„Niemand wird kommen, mein Junge“, informierte er sein Opfer gelassen. „Weil dein Vater nicht will, dass jemand kommt. Sieh es ein, du bist allein mit mir.“
„Was … wollen …“, war das einzige, was Elys Bruder zwischen Schmerzenslauten hervorwürgen konnte.
„Das, was ich die ganze Zeit will, Matthew“, antwortete sein Peiniger kühl. „Den Mann, der meine Schwester vergewaltigt hat.“
„Ich … nicht.“
„Weiß ich, Mattie, weiß ich. Du hast sie nicht gevögelt, aber einer deiner Freunde war es, nicht wahr? Keiner von denen hier. Nicht der kleine Scheißer, der mir da draußen die Nase gebrochen hat, auch nicht der Hasenfuß, oder der da drüben.“
„Wen… meinen?“
„Den Fuchs, Matthew. Ich spreche von deinem Freund dem Fuchs, dem, der Grace das angetan hat.“
Beckett war nicht leicht zu überraschen, doch Matthew Seevers schaffte es, als er eine merkwürdige Mischung aus Lachen und Weinen von sich gab. Durch den Rotz und die Tränen hindurch röchelte der Junge als hätte er gerade den besten Witz des Jahrhunderts gehört.
„Was ist so lustig, Mattie?“, knurrte der Jäger und übte mehr Druck auf das Gelenk aus. „Vielleicht kann ich auch darüber lachen.“
Matthews Schrei hallte durch die dichte Stille, die in dem Saal herrschte, in ihn mischte sich ein zweiter Schrei.
„Hören Sie auf!“
Beckett fuhr herum, ohne jedoch den Fuß vom Handgelenk des jungen Seevers zu nehmen. Argwöhnisch starrte er Rachel Connor an, die aus einem der Nebenräume getreten sein musste. Der Jäger hatte sie vorher nicht bemerkt und fragte sich, wie lange sie bei der Sache schon zugesehen haben mochte.
Ihrem weißen Gesicht nach zu urteilen, in dem ihre dunkelblauen Augen plötzlich riesig erschienen, wohl schon eine ganze Weile.
„Hören Sie doch bitte, bitte auf!“, flehte sie nun, den Tränen nahe. Mit zittrigen Händen hielt sie Beckett etwas entgegen. Etwas, das sein Interesse weckte. Beinahe sofort vergaß er den Jungen und hielt auf Rachel zu. Die zuckte nur ein wenig zusammen, als er ihr nahe kam und das Ding aus den Händen nahm, das sich tatsächlich als Fuchsmaske entpuppte. Jetzt, da Matthew nicht mehr in unmittelbarer Gefahr schwebte, schien sie sich sofort wieder ein wenig zu fassen. Der Blick jedenfalls, mit dem sie den Jäger bedachte, als er sie schroff
„Wo haben Sie das her?“, fragte, war fast schon trotzig.
„Es ist meine“, gab sie, das Kinn in die Höhe gereckt, zurück. „Mr. Beckett, ich bin der Fuchs!“

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