Beckett: Kokon

Auf der Suche nach einer verschwundenen Prostituierten verfängt sich Jäger und Auftragskiller Beckett in einem tödlichen Netz aus Lügen und Intrigen. Gesponnen von zwei mächtigen Gruppierungen, die in einer zerstörten Welt um die Vorherrschaft ringen. ACHTUNG: ausführliche Gewaltdarstellung/unflätige Sprache/Sex- und Drogen werden erwähnt.

1.

Sex war eines dieser Dinge mit denen Beckett im Grunde seines Wesens nicht viel anfangen konnte. Wie der Zwang zum Schlafen und zur Nahrungsaufnahme eine biologische Notwendigkeit, doch bei Weitem nicht so überlebenswichtig. Noch dazu um Längen riskanter. Jemanden nah genug an sich heranzulassen, um ihn zu vögeln bedeutete auch immer, ihn nah genug an sich heranzulassen, um ihm die Gelegenheit für einen Anschlag zu bieten. Mehr als ein Mann war schon an akuter Fehleinschätzung ähnlicher Situationen gestorben. Beckett wusste das. Einer der Gründe aus dem auch im Bett grundsätzlich ein kühler, seltsam distanzierter Teil seines Selbst die Kontrolle behielt. Vorzugsweise mit einer Hand an der Waffe, verborgen unter einem der klobigen Kopfkissen, registrierte dieser unbeteiligte Zuschauer jede Regung der Frau unter ihm.

Während sein Körper den lästigen Drang los wurde wachte Becketts Verstand über jedes mögliche Anzeichen für Gefahr. Hände spielten in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Die Hände der Frauen mit denen er schlief mussten immer zu sehen sein, am besten möglichst weit von seinem Körper entfernt. Im Gegensatz zu anderen Vertretern seiner Profession bestand er nicht darauf, sie zu fesseln. Ein Prinzip des Fairplay, die Frauen hatten keinen Grund ihm mehr zu vertrauen als er ihnen. Jede Hure mit etwas Verstand ließ sich auf so einen Deal gar nicht erst ein. Huren ohne Verstand widerum waren alles andere als vertrauenswürdig. Zu leicht zu beeinflussen und von jedem Clanchief unter Druck zu setzen.

Leah gehörte definitiv in die erste Kategorie, was Beckett einmal mehr feststellte, als er sich jetzt mit dem dumpfen Gefühl einer aufkommenden Migräne von ihr herunterollte. Profi der sie war ließ sie ihre Hände am Kopfende des Bettes liegen und verzichtete auf ruckartige Bewegungen. Keiner von ihnen hatte sehr viel Freude an dem gehabt was sie gerade getan hatten und sie wussten es beide voneinander. Ihre Geschäftsbeziehung hielt jetzt seit fünf Jahren. Zeit genug, um gewisse Aspekte aneinander schätzen zu lernen. Beckett ahnte, dass die schlanke, dunkelhaarige Frau neben ihm dankbar dafür war, dass er nie über den Preis stritt, keine Theatervorführung verlangte und erstaunlich normal veranlagt war. Dafür stellte sie keine Fragen, beachtete die Regeln und hielt den Mund.

Der Jäger ertrug ihre geistesabwesende Gesellschaft gerade gut genug, um ihr immer noch eine Zigarette anzubieten, bevor sie ging. Und so lagen sie stets nebeneinander in Becketts schmalem, eher ungemütlichen Bett und starrten schweigend die rissige Decke seines Apartmens an. Körperlich im selben Raum, geistig meilenweit voneinander entfernt.

Träger, bläulicher Zigarettenrauch stieg im Licht der Strassenbeleuchtung auf, das durch die halb geschlossenen Jalousien sickerte. Der Tabakduft vermischte sich mit dem Geruch nach Schweiß und Sex der das kleine Zimmer füllte. Ein Mix der Hendrix, Becketts Kater, auf Tage von der Wohnung fern halten und dank der nur schlecht funktionierenden Entlüftung noch lange zwischen den Wänden hängen würde.

Leah rauchte mit ruhigen, gleichmäßigen Zügen. Sie hatte eine gewisse natürliche Eleganz, die sie attraktiver machte als sie tatsächlich war. In einer anderen Zeit an einem anderen Ort hätte sie sich ihr Geld sicherlich auf andere Weise verdient, aber der GAU hatte nicht sehr viele wählbare Karrierezweige übrig gelassen. Seinen Körper zu verkaufen war da noch eine der ehrbarsten Beschäftigungen und man konnte mit Gewissheit sagen, dass Leah sich darauf verstand den Kopf oben zu behalten. Anders wäre sie mit Mitte Dreißig kaum noch am Leben, geschweige denn im Geschäft gewesen. Ein weiterer Grund aus dem sie eine der Frauen war mit denen Beckett sich einließ.

Als ihre Zigarette schließlich zu einem Stummel abgebrannt war, richtete Leah sich komplett auf und schwang ihre langen, schlanken Beine aus dem Bett. Nackt wie sie war schlenderte sie zu dem Stuhl hinüber auf dem ihre Sachen, ordentlich zusammengelegt, auf sie warteten. Beckett beobachtete sie, den vertrauten Druck seiner Halbautomatik im Nacken. Mit sparsamen, geübten Bewegungen zog Leah sich an und ging schließlich zu dem Tisch hinüber auf dem ihre Bezahlung lag. Einen Moment lang schien sie Beckett ungewohnt zögerlich. Als sie das Geld schließlich nahm, wandte sie sich damit in der Hand zu ihm um. Ein prüfender Ausdruck lag auf ihrem hageren Gesicht als sie Beckett nachdenklich musterte und gleichmütig fragte:

„Wie hoch ist eigentlich dein Stundenlohn?“

*

„Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“

Beckett wusch Oberkörper und Gesicht in der Spüle seiner Küche und trocknete sich mit einem fadenscheinigen Handtuch ab. Dabei warf er Leah einen kurzen Blick zu. Sie saß, eine Tasse Kaffee vor sich, am Tisch und beobachtete ihn ihrerseits ausdruckslos.

„Vor sechs Tagen“, erwiderte sie mit flacher Stimme. Ihr Tonfall verriet nicht viel Emotion, Beckett aber wusste, dass sie unter demselben Problem litt, das vielen klugen Menschen zu schaffen machte. Den Umstand, dass sie einem sehr viel dümmeren Menschen viel zu viel Gefühl entgegen brachte.

In Leahs Fall hörte das Problem auf den Namen Violett. Ein kleiner, runtergekommener Crackhead, den sie irgendwann einmal von der Strasse geholt und zur Liebe ihres Lebens erklärt hatte. Seit vier Jahren versuchte sie nun alles, um Violett so etwas wie Verstand einzutrichtern. Ein Unterfangen das in Becketts Augen gewisse Ähnlichkeit mit der Aufgabe dieses mythologischen Typen hatte, der dazu verdammt war bis in alle Ewigkeit einen Stein immer wieder denselben gottverdammten Berg rauf zu rollen. Leahs Felsbrocken aber fiel nicht nur einfach wieder herab. Nein, ihr Stein überrollte sie auf dem Weg nach unten noch.

Doch der Jäger war sicher, dass seine neue Klientin das alles auch allein ganz gut wusste und er war bestimmt nicht hier, um ihr zu erklären, was gut für ihr Leben war. Noch dazu brachte Violetts chronische Dummheit ihm einen Auftrag ein. Und wie Leah sagte auch Beckett nicht nein zu schnellem Geld.

Gelassen zog er sein Unterhemd über, nahm sich selbst eine Tasse mit Kaffee und setzte sich Leah gegenüber an den Tisch. Obwohl er schlecht abschätzen konnte, wie sie auf das Thema reagieren würde, kam er nicht umhin Violetts unvermindert anhaltende Drogensucht anzusprechen.

„Bist du sicher, dass sie nicht nur einfach in der nächsten Meth-Höhle vergammelt und zu hoch fliegt, um sich daran zu erinnern nach Hause zu kommen?“, frage er ohne lange um den heißen Brei herumzureden. Es wäre nicht das erste Mal gewesen und ungewöhnlich war es sicher nicht. Etwa achtzig Prozent der Bewohner dieser Stadt waren praktisch ständig auf irgendwas drauf. Die restlichen zwanzig Prozent waren entweder zu jung, zu gebrechlich, um Spritze oder Pfeife noch halten zu können oder hatten ihre Seele Helena Goodwyn verschrieben. Was sie nicht unbedingt cleaner machte als ihre chemisch benebelten Mitbürger.

Leah aber schüttelte nur den Kopf, nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und sah ihn aus müden grauen Augen an.

„Ich hab mich umgehört“, antwortete sie monoton. Ihr Blick flog von Beckett zum Fenster hinüber und blieb dort hängen. Der Jäger verzichtete darauf es ihr gleich zu tun. Er wusste, dass es dort nichts zu bestaunen gab, auch wenn die Jalousie inzwischen geöffnet war. Der Ausblick hatte sich seit Jahren nicht geändert. Nur vereinzelt konnte man Lichter aus den wenigen bewohnbaren Häuserblocks der näheren Umgebung leuchten sehen.

Auch Leah schaute nicht wirklich aus dem Fenster. Ihr Blick war ruhig, aber wie gewohnt abwesend. Vermutlich hatte sie seit Tagen nicht richtig geschlafen.

„Du weißt, man redet mit mir“, fuhr sie überflüssigerweise fort ohne Beckett anzusehen. „Aber niemand hat sie in den letzten Tagen gesehen. Ich war sogar bei Slick.“

Dem Chief der Tupelo Quarter-Sharks, der Gang, die die Southside des Viertels in dem sie lebte unter Kontrolle hatte. Es sprach für Leahs Ansehen, dass Slick ihr eine Audienz gewährt hatte, auch wenn ziemlich sicher war, dass sie dafür in Naturalien hatte bezahlen müssen. Nur, um eine Auskunft zu erhalten die Beckett ihr auch gratis hätte geben können. Tatsache war nämlich, dass die Gangs zu sehr in ihre eigenen Machenschaften verstrickt waren, um das Verschwinden einer einzelnen, kleinen Nutte zu bemerken. Besonders wenn sie, wie Violett, vor allem auf eigene Rechnung arbeitete.

Slick mochte zwar die Hand auf den Drogengeschäften in South Tupelo haben, aber wenn man zu weit oben steht verliert man schon mal den Blick für die Dinge, die sich unten am Fuß der Treppe abspielten. Zum Beispiel in den Crackschuppen und Meth-Höhlen in denen täglich Dutzende untergingen und nicht wieder auftauchten. Und mit hundertprozentiger Sicherheit würden die Sharks die Zeit, die sie brauchten um auch den Nordteil des Viertels unter ihre Kontrolle zu bringen, nicht mit der Suche nach einer abgewrackten Junkie-Hure vergeuden.

Schlechte Karten für Leah und ihr gefallenes Engelchen.

Mit einem unverbindlichen Laut zündete Beckett sich eine Zigarette an. Den Rauch langsam durch die Nase ausströmen lassend meinte er:

„Du weißt, dass es keine Rückerstattung gibt, wenn ich was finde, das dir nicht gefällt?“ Was unter anderem Violetts eventuell verwesenden Leichnam in der Mülltonne hinter einem Drogenhaus mit einschloss. Schon aus Prinzip gab der Jäger nicht mehr zurück was in seinen Besitz übergegangen war. Und Geld rangierte da an allererster Stelle.

Mit den Schultern zuckend sah die dunkelhaarige Frau ihn wieder an und erwiderte lakonisch.

„Hauptsache du findest überhaupt irgend etwas. Alles ist besser als das jetzt.“

Eine Feststellung die Beckett ernsthaft zu bezweifeln wagte.

2.

Ryans Gedanken wirbelten umher. In einem Meer aus Farben und seltsam abstrakten Formen die immer wieder zerflossen, um neue, noch bizarrere Figuren zu bilden. Getrieben vom stampfenden Rhythmus der Musik, bewegte der Junge sich vollkommen frei zwischen den anderen Tänzern. Geschützt durch ihre schwitzenden Körper und ihre nicht weniger erhitzten Emotionen wurde Ryan eins mit der Masse. Wurde zu Freude, Extase, Lust und Gier.

Für diesen Moment war seine Umgebung vollkommen vergessen. Aus dem finsteren, miesen Bretterschuppen der viel zu klein war für seine Besucherschar, wurde ein wahrer Palast. Die Luft schmeckte nicht mehr abgestanden und stickig, sondern war wie elektrisch geladen mit dem Geruch nach purer Lebensfreude und Verlangen. Die Menschen die sich zu der schlechten Musik auf der vollkommen überfüllten Tanzfläche drängten waren nicht länger abgehärmte Verlierer auf der Suche nach schnellem Sex oder dem zeitweiligen Vergessen. Sie alle waren plötzlich schön. Strahlend und voller Kraft. Kraft, die sie bereitwillig mit Ryan teilten, der zwischen ihnen tanzte und sie alle liebte.

Einen kurzen Augenblick lang war das Leben wundervoll erträglich.

Bis Ryan gegen jemanden stieß. Massiv, unverrückbar, geradezu hässlich real. Jemand dessen Anwesenheit ein schwarzes Loch in die Menge aus wunderbar warmen Emotionen riss. Jemand bar jeglichen wahrnehmbaren Gefühls.

Langsam wandte der Junge sich um. Und während ein Teil seines Verstandes noch versuchte den plötzlichen Kälteschock zu überwinden, wusste der andere Teil, derjenige, der durch glasige Augen in das kantige, ausdruckslose Gesicht über ihm starrte, dass er jetzt wirklich tief in der Scheiße steckte.

*

Das Wasser war eisig kalt. Viel kälter als es eigentlich hätte sein dürfen. Immerhin war der Tag relativ milde gewesen. Oder nicht? War es denn überhaupt noch heute? Ryan was sich nicht wirklich sicher, aber im Grunde spielte es auch keine wichtige Rolle. Nicht, wenn man dem Erstickungstod so nahe war wie er, just in diesem Augenblick.

Verzweifelt wehrte er sich gegen die Hand, die seinen Kopf brutal in brackiges Regenwasser drückte, das sich in einer rostigen Tonne auf dem Hinterhof des Clubs gesammelt hatte. Er strampelte mit seinem gesamten Körper. Trat nach hinten aus, in dem vergeblichen Versuch seinen Angreifer an irgend einer empfindlichen Stelle zu erwischen. So dass sich der Griff lockern würde und es Ryan erlaubte aufzutauchen und Luft zu holen. Luft, die er mehr als alles andere herbeisehnte, die er mit jeder Sekunde mehr brauchte. Seine Lunge brannte wie Feuer und schließlich riss er voller Panik den Mund auf. Nur um fauliges Wasser zu schlucken.

Hier und jetzt war es vorbei. Er würde auf diesem versifften Hinterhof sterben.

Doch kurz bevor ihn die gnädige Ohnmacht umhüllen konnte, zerrte ihn sein Peiniger an den Haaren ruckartig aus dem Wasser. Gierig japste Ryan nach Luft, spuckte schmutziges Wasser und gab ein gequält klingendes Winseln von sich. Der Mann, der ihn traktierte ließ sich davon nicht beeindrucken. Wie bereits drei Mal zuvor machte er Anstalten den Kopf seines Opfers einmal mehr in die Tonne zu stuken.

„Bitte!“, würgte Ryan am Ende seiner Kräfte hervor. „B-bitte … nicht mehr!“

Einen Moment lang hielt sein Angreifer inne.

„Was ist dein Problem, Ryan?“, frage er gleichgültig. „Ich helfe dir nur dabei dich umzubringen. Du solltest ein bisschen mehr Dankbarkeit zeigen, normalerweise sind meine Dienste teuer.“

Und wieder tauchte der Junge gegen seinen Willen in das Wasser. Sein Kampf begann von vorne. Wieder schien es unendlich lange zu dauern und einmal mehr war er davon überzeugt, dass er nicht überleben würde, bis er wieder an die Oberfläche gezerrt wurde.

„Nun?“, erkundigte sich der Mann hinter ihm, während Ryan nach Luft schnappte und einen Schwall Brackwasser kotzte. „Immer noch kein Dankeschön?“

Plötzliche, heftige Wut stieg in dem Jungen auf. Vertrieb die Reste der rauschartigen Benommenheit und holte ihn vollkommen ins Hier und Jetzt zurück. Mit einem katzenhaften Fauchen riss er sich los und fuhr zu seinem sehr viel größeren Gegner herum, die Hand zur Faust geballt. Es war ein nicht mal übler Versuch, Ryan war zwar mager und mit wenig Muskelmasse gesegnet aber flink.

Das Problem war, dass sein Kontrahent vielleicht nicht ganz so schnell, dafür aber bedeutend erfahrener, größer und kräftiger war. Seine Hand fing die Faust des Jungen auf halben Wege ab. Um die Schmach vollkommen zu machen, rammte er Ryan dessen eigene Hand ins Gesicht. Dumpfer Schmerz breitete sich explosionsartig von der Nase des Jungen bis hinter seine Stirn aus und ließ ihn gegen die nächste Wand taumeln. Wimmernd sackte er dort zusammen.

„Wirklich, Ryan, ist das eine Art jemanden zu behandeln, der einem nur helfen will?“, höhnte sein weit überlegener Angreifer kalt. Außer sich vor Zorn wischte sein Opfer sich die blutige Nase ab und funkelte ihn an.

„Gott, Beckett, du beschissener Psychopath“, keifte er mit einer Stimme die sogar in seinen Ohren viel zu hoch und hysterisch klang. „Es war nur Smoke. Kein Crack, kein Meth, nicht mal Koks. Nur Smoke. Scheiße noch mal. Harmloser Smoke.“ Eine Art gasförmiges LSD das mit ein paar Muntermachern versetzt geschnüffelt wurde.

Becketts Beine gerieten in Ryans Sichtfeld. Es knackte unangenehm als der Jäger in die Hocke ging, um sein Gesicht auf eine Ebene mit dem des Jungen zu bringen. Da lag nicht ein Hauch von Gefühl in seiner Stimme oder auf seinem Gesicht als er fast schon gelangweilt klingend erwiderte:

„Du bist ein verlauster, kleiner Junkie-Stricher, für dich gibt es kein ´nur Smoke´. Dich bringt sogar Kaugummi wieder drauf.“

Was, wie Ryan, der glaubte gleich an seinem Hass ersticken zu müssen, wusste, durchaus der Wahrheit entsprach. Nur, was ging das Beckett an? Es war ja nicht gerade so als ob der Jäger ihn aus lauter Herzensgüte von der Strasse gefischt und auf Entzug geschickt hatte. Beckett hatte einzig und allein seinen eigenen Vorteil im Auge. Immer. Verächtlich spuckte der Junge seinem Gegenüber vor die Füße. Eine Geste die er sofort bereute, als ihm dadurch der Geschmack des rottigen Wassers wieder auf die Zunge kam. Er begann zu würgen und erbrach den Rest des Dreckzeugs das sich in seinem Magen sammelte, auf den rissigen, abfallübersäten Betonboden des Hinterhofs.

Beckett wartete unbeeindruckt bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Ihm gegenüber lehnte sich Ryan mit zitternden Gliedern gegen die angenehm stabile Hauswand in seinem Rücken. Plötzlich fühlte er sich furchtbar müde.

„Was willst du eigentlich von mir?“, fragte er den Jäger. Es war fast so etwas wie eine Metafrage, doch wie üblich beschloss sein ungeliebter Lebensretter die Sache vom einfachsten Blickwinkel aus aufzufassen.

„Wissen wann du Violett das letzte Mal gesehen hast“, erwiderte er knapp.

Nur für einen kurzen Moment gelang es Ryan nicht seine Überraschung zu verbergen. Doch es war offenbar mehr als genug für Beckett, der auch den kurzen Anflug von Schuldbewusstsein zu erkennen schien, der für den Sekundenbruchteil in dem Jungen hochwallte. Wie er das machte blieb Ryan ein Rätsel über das er staunte als Beckett aus seiner Miene schlußfolgerte:

„Du hast sie also gesehen.“

„Und wenn?“, entgegnete der Junge ihm gegenüber mit defensiver Feindseligkeit in der Stimme. Er schlang beide Arme in einer unbewussten Geste um seinen schmalen Körper und starrte Beckett unverwandt an.

„Leah sucht nach ihr“, informierte der ihn. Nichts was Ryan nicht schon gewusst hätte, aber es genügte, damit sein schlechtes Gewissen sich zu melden begann. Vor allem als Beckett fortfuhr: „Sie sagt sie hätte alle auf der Straße befragt, und weißt du, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ausgerechnet dich ausgelassen hat.“

Trotzig schnaufte der Junge an der Hauswand durch die Nase.

„Hat sie nicht, okay?“ Obwohl ein Teil in ihm immer noch der Überzeugung war im Recht gewesen zu sein als er Leah belogen hatte, konnte ein anderer Becketts Blick nicht mehr Stand halten. Ryan begann die vom Rost zerfressene Regenrinne neben sich zu mustern als wäre sie das faszinierendste Ding das er seit Ewigkeiten zu Gesicht bekommen hatte. Warum zum Teufel sagte der Jäger jetzt nichts?

Das Schweigen zwischen ihnen wurde zusehends unerträglicher, bis der Junge schließlich wütend die Hände hochriss und fauchte:

„Ich hab ihr gesagt, ich hätte sie nicht gesehen. Das haben wir alle. Na und? Sie ist ohne die Schlampe viel besser dran!“

Dieses blöde Miststück das hatte was Ryan sich so dringend wünschte. Und es nicht mal zu schätzen wusste. Zu schätzen, dass es jemanden gab, der sich um einen sorgte, der da war, einen in den Arm nahm, wenn es einem schlecht ging. Einen bedingungslos liebte und akzeptierte, der nach einem suchte, wenn man nicht nach Hause kam, dem man etwas bedeutete. Ryan hätte alles, einfach alles getan für jemanden wie Leah in seinem Leben. Aber alles was er hatte war Beckett. Einen Gestalt gewordenen Alptraum der stets hinter der nächsten Ecke lauern konnte. Es war nicht fair. Einfach nicht fair!

Neid fraß sich seinen Weg in das sonst recht attraktive Gesicht des Jungen und verzerrte es zu einer Grimasse.

„Leah tut alles für sie. Und was macht dieses Aas? Belügt, betrügt und bestiehlt sie, um sich ihren beschissenen Stoff zu besorgen. Aber weißt du was das Schlimmste ist? Das Schlimmste ist, dass ich fühlen kann was sie fühlt wenn sie in meiner Nähe ist. Willst du wissen was sie fühlt?“ Es war eine rein rhetorische Frage, denn Ryan, der wie in einer Art Fieber Bösartigkeiten spuckte, wartete Becketts Antwort gar nicht erst ab. „Die Gewissheit, dass ihr Leahs Liebe sicher ist. Als hätte sie ein Recht darauf.“ Die größte Hybris von allen. „Oberflächliche, dumme Fotze!“

Ihm gegenüber zuckte Beckett gleichgültig mit den Schultern.

„Hm, Ryan“, sagte er gedeht. „Ist das derselbe Mund mit dem du deinen Freiern einen bläst?“

Ein wenig subtiler Rat die Hand von den Steinen zu lassen, wenn man im Glashaus saß. Dem Jungen aber war es egal. Er wusste, dass er anders war als Violett. Insgeheim, so ahnte er, war er sehr viel mehr wie Leah und jemand wie Violett ein noch schlimmerer Alptraum als Beckett. Der Hass in seinem Innern ebbte langsam wieder ab und mit ihm wich alle Kraft aus seinem Körper. Seine Erfahrung riet ihm, diese Unterhaltung zu beenden, bevor er auch noch den letzten Rest Selbstachtung einbüßte. Doch der einzige Weg den Jäger loszuwerden war, ihm die Information zu geben wegen der er hergekommen war.

„Wenn Leah sie unbedingt wiederhaben will ist ihr auch nicht mehr zu helfen. Frag´ Walter, ich hab sie das letzte Mal vor ein paar Tagen in seinem Schuppen gesehen.“ Zu seiner Erleichterung verzichtete Beckett darauf, ihn zu fragen was er in der Nähe der Crackhöhle zu suchen gehabt hätte. Statt dessen warf der große Mann ihm einen Zwanziger in den Schoß. Man konnte ihm viel nachsagen, aber wenigstens bezahlte er angemessen, auch wenn Ryan sich zu schwach fühlte um nach dem Geld zu greifen.

„Geh nach Hause“, riet Beckett ruhig und wandte sich zum Gehen. „Du siehst aus wie Scheiße. Und wenn du beim nächsten Mal was wirfst, rauchst oder drückst, dann pass auf, dass du von dem Trip nicht wieder runterkommst. Sonst sorge ich dafür.“

Ryan starrte ihm mit brennenden Augen nach, bis er in der Dunkelheit verschwunden war. Vorsichtshalber wartete er noch ein paar Minuten länger. Dann umklammerte er seine Knie und begann hemmungslos zu weinen.

3.

Der Aufprall war hart, kam aber nicht unerwartet. Mit der Übung eines Mannes, der nicht zum ersten Mal einen anderen über die Dächer des Tupelo Quarters jagte, rollte Beckett sich ab und kam fast im selben Bewegungsablauf wieder auf die Beine. Seine Schritte hallten laut auf dem Wellblech unter seinen Füßen wider, während er, sein Ziel fest im Auge, voransprintete.Bereits vor dem GAU hatte der Großteil der Häuser im südlichen Teil Tupelo Quarters aus Flachbauten bestanden. Kein Gebäude mehr als drei Stockwerke hoch. Wohn- und Arbeitsstätten der unteren Mittelschicht. Preiswert aber gepflegt, manchmal sogar mit kleinen Grünanlagen versehen. Feuchter Traum jedes gesellschaftlichen Aufsteigers.Nach dem GAU hatten sich hier, wie fast überall in der Stadt, neue Bewohner angesiedelt. Windschiefe, schmuddlige Baracken waren zwischen den Häusern hochgezogen worden und hatten jede noch so kleine Lücke gefüllt. Die Höhenunterschiede waren dadurch so minimal, dass einem ein Sprung vom Häuserdach auf das des Nachbargebäudes nicht zu schaffen machte, wenn man etwas Acht auf seine Knöchel gab. Das einzig Trickreiche bei einer Hatz über die Dächer war, dass man praktisch erahnen musste welche Stellen man besser übersprang oder gleich ganz außen vor ließ. Der beinahe schon toxische Nach-Gau Regen ging grundsätzlich unfreundlich mit Dingen um, die ihm längere Zeit ausgesetzt waren. Dächer kamen da an allererster Stellen.Beckett konnte das Blut in seinen Adern rauschen hören als er aus vollem Lauf zu einem Sprung ansetzte, der ihn über eine verdächtig rostige Stelle hinweg brachte. Er wusste instinktiv, dass es jetzt nicht mehr lange dauern konnte, bis er seine Zielperson eingeholt hatte. Vollkommen high zu flüchten hatte den Nachtteil, dass man schnell die Übersicht verlor und im Grunde nur planlos durch die Botanik torkelte. Auf der anderen Seite fühlte man sich auch unbesiegbar und ging daher eher zu Gegenangriffen über, wenn man erkannte, dass die Flucht aussichtslos war.Walter allerdings, musste in der Regel nicht mal high sein, um sein Messer, ein altes M95 Bajonett, zum Einsatz zu bringen. Und so wunderte es Beckett nicht sonderlich, dass sein Ziel bereits bewaffnet war, als er es mit einem weiteren Satz erreichte und ohne sonderliches Zartgefühl zu Boden stieß. Noch im Fall drehte der Junkie sich, krallte seine freie Hand in den Mantel des Jägers und riss ihn mit zu Boden. Es schepperte ohrenbetäubend als die beiden Körper ineinander verkeilt mit dem Blechdach kollidierten.Becketts heiserer Fluch mischte sich mit Walters aufgekratzen Gelächter. Die Klinge des Bajonetts wischte haarscharf am rechten Ohr des Jägers vorbei und hätte vielleicht sogar getroffen, wenn er nicht im selben Moment den Kopf hochgerissen hätte, um ihn seinem Kontrahenten wuchtig gegen das Nasenbein zu rammen. Etwas brach und Blut spritzte aus der Nase des Junkies auf Becketts Gesicht. Nicht dass es Walter sonderlich aus dem Konzept gebracht hätte. Er lachte nur noch lauter. Wieder und wieder kicherte er:“Scheiße Mann, scheiße. Ich spieß dich auf, Wichser. Wie ein kleines Schweinchen. Oink, oink.“In seinen Augen irrlicherte es und der Jäger, der nah genug dran war, um es zu sehen, wusste, dass er mit reden nicht sonderlich weit kommen würde. Im Moment war in Walters Oberstübchen lediglich der Crack daheim. In Kombination mit der dadurch verursachten Schmerzunempfindlichkeit, wurde sein Messer zu einer ernsteren Bedrohung als im Normalfall.Während er mit einer Hand den Waffenarm des anderen Mannes umklammert hielt, griff Beckett mit der linken in fettiges, langes Haar und riss daran. Auf diese Weise bekam er den Schwung, den er brauchte, um mitsamt seines Gegners herumzurollen.

„Oink, oink!“, kreischte Walter wild. Er wand sich unter dem Jäger wie ein besonders großer, hässlicher Aal. Seine freie Hand schoss in die Höhe. Lange, dreckige Fingernägel bohrten sich tief in Becketts Wange und hinterließen blutige Striemen. Es brannte wie die Hölle. „Ich mach dich alle. Die Gangs werden mich feiern und von deinem Kopfgeld kann ich mir den besten Trip aller Zeiten leisten!“ Was durchaus der Wahrheit entsprochen hätte, wenn sein Gegner denn vorgehabt hätte, ihn gewinnen zu lassen. Unwirsches Knurren war alles was er auf die Drohung erwiderte.

Für einen Kerl den die Drogen so ausgemergelt hatten, dass man ihn locker auf das Dreifache seines wahren Alters schätzen und glauben konnte, der nächste Windhauch würde ihn fortwehen, war Walter überraschend kräftig. Das Zeug das in seinen Venen kreiste verlieh ihm eine erstaunliche Zähigkeit und lud ihn mit Energie, die er nach allen Seiten abstrahlte. Wie ein defekter Heizkörper. Beckett hatte Schwierigkeiten den sich aufbäumenden Junkie unter Kontrolle zu bekommen. Es glich einem Rodeo das ihm langsam aber sicher auf die Nerven ging.

Einen Fluch auf den Lippen zerbeißend, schlug er die Hand beiseite, die noch immer nach Halt suchend sein Gesicht zerkratzte und drückte seinen Unterarm fest gegen Walters Kehle. Eine nicht ungefährliche Taktik, bestand doch die Möglichkeit, dass der Kehlkopf des Junkies nachgab. Noch dazu dauerte es ewig, bis die Wirkung einsetzte. Jedenfalls kam es dem Jäger so vor, der damit leben musste, dass ihm sein Gegner nun seinerseits ganze Haarbüschel ausriss auf der Suche nach einer Möglichkeit ihn von sich herunter zu bekommen.

Quälend langsam erlahmte Walters Gegenwehr. Er glitt in eine Art Dämmerzustand hinüber, seine Synapsen stellten den Betrieb nach und nach ein und schließlich wurde sein gesamter Körper schlaff. Beckett entwand ihm das Bajonett und musste angewidert feststellen, dass der andere Mann sich eingenässt hatte. Nicht gerade der Höhepunkt seines Tages. Fluchend nahm der Jäger seinen Arm vom Hals des Benommenen und hielt dessen Hände so umklammert, dass er nicht mehr angreifen konnte.

„Hey, Dornröschen“, knurrte er. „Wach auf, du willst doch die Party nicht verpassen.“

Tatsächlich kam der Junkie wieder zu sich. Er war noch zu benommen, um wieder mit dem Gestrampel anzufangen.

„Wenn du mich umlegen willst, musst du schon fester zudrücken, Arschloch“, würgte mit belegter Stimme hervor.

„Was du nicht sagst“, erwiderte der Jäger über ihm lapidar. „Okay, Walter, wo wir zwei grade so nett beisammen sind, lass uns doch mal plaudern. Wie stehts mit Violett? Mal gesehen in letzter Zeit?“

Mit einem breiten, fast verträumten Grinsen zog Walter die Nase hoch und rotzte in Becketts Richtung. Seine Zielgenauigkeit war noch nicht vollkommen wiederhergestellt, weshalb die Aule nur auf der Schulter des Jägers landete. Aus irgendeinem Grund, so befand der, schien er heute den Speichelreflex der Leute anzuregen. Erst der Junge, jetzt der Junkie.

„Fick dich!“, höhnte Walter indes. „Dir erzähl ich gar nix, du mieser Pisser!“

„Tatsächlich?“, fragte Beckett gelassen.

„Ja, tatsächlich!“, antwortete der hagere Mann unter ihm. Er begann hysterisch zu kichern. „Ich meine, was willst du tun? Mich abstechen? Mich verprügeln? Mich vom Dach werfen? Ich bin der beschissene Supermann, Alter, ich kann fliegen!“

„Na so´n Zufall“, kommentierte der Jäger schmal grinsend. „Und ich bin der Typ mit dem Schlüssel zur Festung der Einsamkeit. Stell dir vor, Walter. Nur du, ich, ein Keller und der kalte Entzug. Wir vier werden richtig Spaß haben.“

Es war, wie Beckett aus Erfahrung wusste die einzige Drohung, die einen Junkie zum Nachdenken brachte. Der Entzug war das was sie am meisten fürchteten. Den Schmerz, das unsagbare Verlangen, die Erniedrigung und vor allem den Einbruch der Realität in ihre Traumwelt. Und Junge, hatte diese Realität Ähnlichkeit mit einer fünfzigjährigen, syphiliszefressenen Hafenhure oder was?

In Walters Augen flackerte es kurz, während seine zerstörten Gehirnzellen versuchten einen Ausweg aus der Lage zu finden.

„Das kann Tage dauern“, keuchte er heiser. „Bis dahin ist Violett vielleicht schon tot.“

Über ihm zuckte der Jäger mit den Schultern.

„Denkfehler, Walter“, informierte er den Junkie gleichgültig. „Ich werd´ nicht dafür bezahlt sie lebend zu finden. Nur finden reicht mir schon vollkommen.“

Einen Moment lang starrten die beiden sich schweigend an. Welche Wahrheiten Walter auch immer in Becketts Augen las, es genügte um ihn zur Kooperation zu bewegen. Seine Zunge schnellte kurz zwischen den spröden Lippen hervor, um sie zu befeuchten.

„Okay, okay“, schnaufte er schließlich erheblich weniger gut gelaunt als am Beginn ihres Gesprächs. „Ist schon gut. Ich hab sie nicht mehr, okay? Hab die Schlampe verkauft. Sie kam vor ein paar Tagen, um zu schnorren. Hat sich die Birne zugeknallt als ob´s kein Morgen mehr gäbe.“ An dieser Stelle begann er wieder zu glucksen. „Die war völlig breit, hat nix mehr mitbekommen als dann dieser Typ kam. Hat mir fünfzig Scheine für die Nutte geboten. Kannst du dir das vorstellen? Fünfzig Scheine. Hättest du da nein gesagt, Mann?“

Vielleicht. Vielleicht nicht. Über solche Dinge pflegte Beckett nicht nachzudenken. Und auch jetzt verwandte er seine Konzentration lieber darauf zu überlegen, wer ein Interesse daran gehabt haben konnte, Violett zu kaufen.

In Jasmin gab es derzeit nur drei Absatzmärkte für Menschen. Da waren zum einen die Gladiatorenhändler, die immer auf der Suche waren nach geeignetem Material für ihre Untergrundarenen. Der Verschleiß war enorm. Violett aber war einfach zu schwach und abgehärmt, um einen vernünftigen Kämpfer abzugeben. Dann gab es da noch die Pussy-Scouts der Gangs, die junge Frauen, Mädchen und Knaben von der Strasse wegfingen, um sie zur Prostitution zu zwingen. Diese Jungs zahlten allerdings nie und schon gar nicht für jemanden wie Violett, der bereits seit zehn Jahren am Anschaffen war. Noch weniger aber hätte sie für die Kokonjäger getaugt, die im Auftrag des Syndikats an der Oberfläche nach gesunden, unverbrauchten Körpern suchten. Kokonjäger machten in der Regel Verträge mit den ursprünglichen Besitzern der Körper, die sie mit nach New Jasmin nahmen. Junkies mit extrem zweifelhaftem Vorleben gehörten nicht zu ihrer Klientel.

Kurzum:

„Wer sollte schon für Violett bezahlen? Scheißt du mich an, Walter?“

„Hey, Mann!“, protestierte der Junkie. „Was weiß ich, warum der so scharf war auf das Miststück. War aber nicht das erste Mal, dass der Typ bei mir aufgeschlagen ist.“ Becketts interessiert in die Höhe gezogene Augenbraue wertete er als Aufforderung zum weitersprechen, was er dann auch mit einem gemeinen Grinsen tat. „Kommt alle paar Wochen bei mir vorbei. Am Anfang hat er nur geschaut, aber seit zwei Monaten nimmt er immer mal eine mit. Oder einen. Der ist nicht gerade wählerisch. Hauptsache sie können nicht mehr gerade stehen.“

Das klang immerhin nach einem Anfang. Nicht wirklich vielversprechend, wenn man auf ein Happy End hoffte, aber das hatte Beckett von Anfang nicht gerade ernstlich gekümmert.

„Na schön, was macht er mit ihnen?“, hakte er nach. Unter ihm schnaufte der Junkie.

„Woher soll ich´n das wissen? Vielleicht gibt er ihnen Makramee-Unterricht? Ich liefere nur und stell´ keine Fragen. Wäre schlecht für unser Geschäftsverhältnis. Als ob gerade du sowas nicht wüsstest.“

Natürlich wusste der Jäger das, aber die Geschäfte anderer Leute waren ihm herzlich gleichgültig, solange er seines am Laufen halten konnte. Weswegen er auch nicht sehr zufrieden mit der Antwort des anderen Mannes war.

„An deiner Stelle würde ich ein bisschen denken, Walter“, meinte er kalt. „Ich hab keine Lust dir alles einzeln aus der Nase zu ziehen. Wo – Finde – Ich – Violett?“

„Ach Scheiße, Mann“, keifte sein unfreiwilliger Informant. „Frag´ das doch nicht mich. Jedenfalls parkt immer eine Riksha vor der Tür. Wenn du wissen willst, wo er sie hinbringt musst du Salomons fetten Arsch an die Wand nageln.“

4.

Der Regen prasselte so heftig auf die Ruinen der Stadt hinunter, dass er alles in ihnen zu ertränken schien. Geräusche, Gerüche, das Leben an sich.

Beckett saß auf einem Stuhl am Fenster seines Apartments und starrte den dichten, grauen Schleier davor an, die Wand aus Wasser, die ihn von allem abzuschneiden schien. Aus dem Lautsprecher seines Plattenspielers heraus besang Ella Fitzgerald die Freuden des Sommers. Einer Jahreszeit die es so schon seit zwanzig Jahren nicht mehr gab. Vielleicht hatte es sie auch so nie gegeben. Beckett erinnerte sich nicht sonderlich gut an die Sommer vor dem GAU. Alles was ihm geblieben war, waren fiebrige Bilder von heißer, flirrender Luft über dem erhitzten Asphalt der Strassen. Das allerdings gab es auch heute noch. An manchen Tagen wirkten die Wege der Stadt wie blanke Spiegel die unter der Hitze zerbarsten. Dann gab es die Tage an denen der Schnee meterhoch lag. Und an wieder anderen, kam es zu geradezu monsunartigen Regengüssen.

Beckett mochte den Regen.

Wenn es so schüttete wie jetzt kam das Leben in Jasmin vollkommen zum Erliegen. Wer sich jetzt auf die Strassen wagte, konnte von plötzlichen Erdrutschen, Schlammlawinen oder einer Flut überrascht werden. An Tagen wie diesen konnte der Jäger hier sitzen, in das Grau starren und sich vollkommen allein fühlen, auf der Welt.

Ja. Beckett mochte den Regen, auch wenn er in gewisser Weise unpraktisch war. Bei einem Regen wie diesem blieben selbst die Riksha-Fahrer zu Hause. Weswegen Salomon Mingus, ihr Chef, nicht dazu kam, sie auszuquetschen, wer von ihnen in letzter Zeit einen, kleinen, mausgesichtigen Kerl in ungewöhnlich schicker Kleidung, mitsamt einer vollkommen zugedröhnten Hure von Walters Schuppen ausgehend durch die Gegend kutschiert hatte.

Nicht, dass es Beckett viel ausgemacht hätte. Er wusste, dass er seine Antwort bekommen würde. Salomon konnte ziemlich anregend auf das Gedächtnis seiner Leute wirken und da er dem Jäger noch so einiges schuldete, würde er sich etwas zusätzliche Mühe geben. Bis dahin konnte er warten. Jeder Regen hörte irgendwann einmal auf. Für Violett, davon war Beckett überzeugt, spielte es sowieso keine Rolle mehr.

Er klemmte sich eine Zigarette in den Mundwinkel und griff nach den Streichhölzern auf dem Fensterbrett als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung auf der alten Feuerleiter wahrnahm. Hendrix kehrte wieder heim. Triefend vor Nässe marschierte der Kater wie selbstverständlich an seinem menschlichen Mitbewohner vorbei und sprang, ohne ihn eines Blickes zu würdigen von der Fensterbank auf das Bett. Dort begann er sich zu putzen und rollte sich anschließend zwischen den dünnen Laken zu einem Ball zusammen.

„Hoffe du hattest deinen Spaß“, kommentierte Beckett das plötzliche Erscheinen mit einem knappen Grinsen. Seine Zigarette anzündend wandte er sich wieder dem Ausblick zu. Dem unverändert dichten Regenschleier vor seinem Fenster, der alles was sich dahinter verbarg verhüllte.

Wirklich. Jasmin von seiner schönsten Seite.

*

Anderthalb Tage später wartete Beckett an einem anderen Fenster, in einer anderen Wohnung, mit einem völlig anderen Ausblick.

Salomon hatte eine Antwort für ihn parat gehabt, die den Jäger hierher nach Colony Beach geführt hatte. In einen Teil seines eigenen Viertels, der im Randbereich der neutralen Zone lag und eine Art Puffer bildete zwischen den Stadtteilen die von den Gangs beherrscht wurden. Wie erwartet hatten die Riksha-Fahrer sich an Walters Kunden erinnert und als Beckett jetzt sah, wie der Knabe das Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite verließ, wusste er auch genau warum.

In Prä-GAU Zeiten wäre er in der Masse untergegangen. Knapp einen Meter siebzig, mittleres Alter, weiß, dunkle Haare, unauffällig und ordentlich gekleidet. Ein Bürotyp, jemand der über seinen Akten versauerte und zu Hause mit Frau und Kind in einem Vorort der Stadt ein durchschnittliches amerikanisches Leben führte. In Post-GAU Zeiten allerdings gab es das alles nicht mehr. Keine Büros oder Akten. Keine sauberen Vororte und schon gar keine adrett gekleideten Männer. Hier und jetzt fiel der Kerl auf wie eine Nonne in einem Stripschuppen. Alles an ihm stank nach Maulwurf. Nur was sollte einer der Bewohner New Jasmins, der Stadt im Untergrund, hier oben zu suchen haben?

Während Beckett sah, wie Violetts mutmaßlicher Entführer eine Riksha herbeiwinkte und darin verschwand, dachte er darüber nach, ob die Kokonjäger inzwischen vielleicht doch verzweifelt genug waren, um minderwertiges Material zu rekrutieren. Eine Antwort, soviel war klar, bekam er sicherlich nur in dem schmutzig-roten Backsteingebäude auf der anderen Strassenseite.

Den Kopf gesenkt, die Hände tief in seinem Mantel vergraben, verließ der Jäger seinen Beobachtungsposten und bahnte sich einen Weg durch die übliche Ansammlung aus Verlierern, Dealern, Straßenhändlern, Nutten und Tagträumern, die das Viertel hier bevölkerten. Hinüber zum Haus seines Verdächtigen, das sich in nichts von den anderen Häusern der Gegend unterschied. Wie üblich waren die unteren Fenster allesamt mit dicken Holzplanken oder sogar Metallplatten versiegelt. Alte Graffitis und Überreste jahrzehntealter Plakate bedeckten das rote Mauerwerk und über allem schwebte dieser typische Geruch. Fäulnis und menschliche Exkremente, zurückgelassen von denen die nachts in den schlecht geschützten Häusereingängen schliefen.

Ein vertrauter Anblick. Und trotzdem wurde Beckett das Gefühl nicht los, dass mit diesem Haus etwas nicht stimmte, Mal abgesehen vermutlich vom Geisteszustand seines Bewohners. Allein die Tatsache, dass es keine anderen Mieter zu geben schien, war ungewöhnlich. Halbwegs annehmbarer Wohnraum war knapp in Jasmin und als annehmbar galt alles was ein intaktes Dach und vier Wände aufwies. In einem Dreigeschosser wie diesem fanden normalerweise mindestens zwei Dutzend Menschen Unterschlupf. Der Maulwurf aber lebte allem Anschein nach komplett allein.

Einer Eingebung folgend umrundete der Jäger das Gebäude. Vorbei an einem morschen Bretterzaun gelangte er auf den Hinterhof und fand wonach er gesucht hatte. Eine Hintertür. Etwas das Seltenheitswert besaß in Jasmin, bedeuteten Hintertüren und Notausgänge doch grundsätzlich, dass man gleich zwei Zugänge zu seinem Heim überwachen musste. Heutzutage riskierten die Leute es eher bei einem der vielen Brände um zu Leben zu kommen als die Chance zu erhöhen des Nachts ungebetenen Besuch zu erhalten. Heutzutage gab es nur noch eine Art von Haus, das Hintertüren besaß.

Das Wissen darum ließ Beckett noch vorsichtiger werden als er es bereits war. Gründlich nach allen Seiten schauend zog er seine Waffe, brach das Schloss der Tür auf und schob sich durch einen Spalt in das dämmrige Innere.

Der erste Blick verhieß nichts wirklich Ungewöhnliches. Es schien ein ganz normaler Hausflur, der sich dunkel und höhlenartig vor dem Jäger erstreckte. Verblichene, gelblich-weiße Farbe blätterte von den Wänden, an denen obszöne Schmierereien prangten. Der Boden war mit alten Zeitungen und anderem Unrat bedeckt. Wie überall stank es auch hier nach Rattenpisse und Moder.

Es waren die Fliegen, die Beckett einen ersten Hinweis gaben. Die Fliegen und der Geruch, der unter dem üblichen Gestank lag. Fast noch unterschwellig, leicht zu ignorieren, wenn man nicht nach bestimmten Dingen Ausschau hielt. Nicht nach ihnen Ausschau halten wollte. Die Fliegen aber waren kaum zu übersehen. Der Jäger konnte sie in der, mit jedem Schritt dichter werdenden, Düsternis summen hören. Hin und wieder streifte eines der Insekten seine Wange, versuchte sich auf ihm nieder zu lassen. Beckett scheuchte sie weg und griff nach seinen Streichhölzern. Er war sicher, dass es hier Strom gab, wollte aber eventuelle Wächter nicht alarmieren indem er die Festtagsbeleuchtung anwarf. So blieb ihm nur der flackernde Schein der kleinen Flamme, um die Quelle des hektischen Sirrens auszumachen.

Umrisse schälten sich aus der Düsternis. Links führte eine marode wirkende Treppe in die höheren Etagen. Zu den verlassenen Wohnungen. Interessant war für Beckett aber nur das winzige Büro zu seiner Rechten. Musste vor Ewigkeiten wohl zu einem Pförtner oder Hausverwalter gehört haben. Jetzt hatte jemand Säcke mit Müll darin gestapelt, die auf den ersten Blick die unzähligen Fliegen anzuziehen schienen. Wenn man aber genauer hinsah, konnte man erkennen, dass die kleinen Biester nicht etwa auf den Säcken herumkrochen, sondern auf dem Boden darunter.

Der Geruch den Beckett wahrgenommen hatte, war hier stärker, wenn auch immer noch verdeckt vom Gestank des gammligen Mülls. Es war ein Geruch, den jeder Bewohner Jasmins gut kannte. Derselbe Geruch, der einem oft in den Strassen der Stadt in die Nase stieg. Meist an besonders warmen Tagen, nach einem unerwarteten Kälteeinbruch in einer der Nächte zuvor. Ein Geruch der kleben blieb und über den Vierteln hing, bis Helenas Trupps kamen und aufräumten. Die Leichen derjenigen, die zu unvorsichtig oder zu dumm gewesen waren, sich einen halbwegs wetterfesten Ort zum schlafen zu suchen.

Verwesung.

Beckett war bei seinem vierten Streichholz angelangt als er, inzwischen in der Hocke und damit unerfreulich nah an Müll und Fliegen, die Fugen im verwitterten Parkett entdeckte. Eine Tür, eingelassen im Fußboden, kaum zu erkennen unter dem Müll. Das hier war der letzte Beweis, den der Jäger benötigte. Er befand sich mitten in einem sicheren Haus. Was bedeutete, dass über kurz oder lang jemand hier auftauchen würde, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Großartig.

Seufzend schob er den Sack beiseite, der den Türgriff verdeckte und beschloss sich zu beeilen. Er wollte nicht mehr hier sein, wenn die Patrouille eintraf. So sanftmütig sie sich in der Regel gaben, einige von St. Helenas Leuten hatten verdammt nervöse Abzugsfinger.

Ein paar Minuten später wusste Beckett, dass aus seinen Plänen so schnell nichts werden würde.

*

Der Gestank hier unten war so dicht, dass man ihn fast schmecken konnte. Ein Gedanke, der sogar dem Jäger das Essen wieder in die Kehle stiegen ließ. Er war nicht wirklich überrascht gewesen, als er am Ende einer Metalltreppe einen Raum vorgefunden hatte, grau gekachelt, mit Stahlschränken versehen und von einer schwachen, funzligen Glühbirne beleuchtet. Und auch die vier Leichen, die, allesamt in den unterschiedlichsten Stadien der Verwesung begriffen, auf improvisierten OP-Tischen lagen, konnten ihn nicht wirklich aus dem Konzept bringen. Ebensowenig wie die freie Liege am Ende des Raumes, an deren Seite bereits ein Tablett mit Operationsbesteck auf den nächsten Fang wartete.

Der Geruch aber war widerlich.

Begleitet von einem Schwarm ausgesprochen glücklicher Schmeißfliegen, ging Beckett zu den Tischen hinüber.

Nebeneinander aufgebahrt lagen die Körper, von denen nur noch bei zweien zu erkennen war, welchem Geschlecht sie einmal angehört hatten, auf ihren Totenbetten. Einige mussten schon längere Zeit hier liegen, die vierte schien, seiner Erfahrung nach, erst seit knapp einer Woche tot zu sein. Ihr Gesicht war aufgedunsen und gelblich. Trotzdem hatte er kaum Mühe sie zu identifizieren. Keine Frage, er hatte gerade seinen Auftrag erledigt und Violett gefunden. Ihr Entführer hatte offensichtlich keine Zeit verloren.

Was er aber mit ihr angestellt hatte, blieb Beckett ein Rätsel. Die Leichen waren nicht verstümmelt und abgesehen von den medizinischen Gerätschaften, den Skalpellen, Sägen, Zangen und Nähnadeln, gab es hier unten keine Waffen. Erst als der Jäger sich über Leahs tote Geliebte beugte, sah er, was der Kerl tatsächlich getan hatte. Sah das Loch in ihrem Schädel. Kreisrund, etwa von der Größe eines Golfballs, prangte es im linken Schläfenbereich. Eingetrocknetes Blut und graue Masse, klebten noch an den Wundrändern.

Becketts Augen verengten sich zu Schlitzen, als er die Reste eine Metallteiles im Innern der Wunde entdeckte. Ihn beschlich eine ungute Ahnung, während er mit einer Pinzette nach dem Ding zu fischen begann. Und tatsächlich stellte seine Ahnung sich als begründet heraus, wie er erkannte als er das Metallstück schließlich zu Tage förderte.

Die Lippen zusammengepresst musterte er das chipähnliche Teilchen im trüben Licht der Lampe. Sein Anblick weckte ein paar vage Erinnerungen in Beckett auf die er gerne verzichtet hätte. So war er fast erleichtert als er plötzlich ein Geräusch hörte. Über ihm. Leise, fast so als schliche sich jemand an die offene Kellerluke heran.

Der Jäger ließ den Chiprest in seine Hosentasche gleiten, zerschlug die Glühbürne mit dem Knauf seiner Waffe und ging hinter dem Tisch in Deckung.

5.

Es war stockfinster hier unten ohne das Licht der Lampe, so funzelig es auch gewesen sein mochte. Beckett brauchte einen Augenblick, bis er wenigstens schwache Umrisse erahnen konnte. Er wusste, dass ihm die Dunkelheit nicht unbedingt einen Vorteil brachte, doch es schuf mit etwas Glück ausgeglichene Verhältnisse.

Dass das Glück heute nicht unbedingt auf seiner Seite war, musste er einsehen, als er einen scharf gebündelten Lichtstrahl am Einstieg zur Treppe aufblitzen sah. Lampen. Von der Art wie man sie auf Schnellfeuergewehre montieren konnte. Mindestens zwei, was hieß, dass er auch mit mindestens zwei Leuten rechnen musste. Nun, dass lief nicht ganz so gut. Jetzt war Improvisation gefragt.

Kurz entschlossen warf der Jäger seinen Mantel ab und stopfte ihn, zusammen mit seinem Hemd unter Violetts Liege, bevor er es sich auf dem freien Tisch neben ihr mehr oder weniger bequem machte und das Laken bis zur Hüfte über sich zog. Er konnte gerade noch seine Waffe aus dem Gürtel ziehen, als er auch schon Schritte auf der Treppe hörte. Schwere Stiefel schabten über das Metall und erzeugten einen dumpfen Klang.

Auf seinem Tisch holte Beckett ein letztes Mal flach Luft und schloss die Augen soweit, dass er nur noch aus den Winkeln heraus sehen konnte, was um ihn herum geschah. Auf diese Art würde ihn kein unbeabsichtigtes Blinzeln verraten und auch die Lichtfinger, die nun durch den Raum kreuzten, blendeten ihn nicht.

Als die Strahlen auf die ersten Leichen trafen konnte der Jäger ein Zischen hören, dem ein erkennbar schockiertes:

„Oh Scheiße, was zum Teufel …“, folgte.

Die Stimme klang jung, definitiv männlich und erstaunlich erschüttert. Ein Anfänger. Das Problem an Anfängern war, dass sie in der Regel mit einem Profi zusammengesteckt wurden. Doch erst als der Grünschnabel ein:

„Gott im Himmel, was machen wir jetzt, Gloria?“, hinzusetzte, bekam Beckett eine Idee davon wie groß sein Problem tatsächlich war. Die Erkenntnis brachte ihn dazu noch ein bisschen steifer zu liegen und noch ein bisschen länger den Atem anzuhalten. Und es überzeugte ihn davon, dass er noch etwas mehr improvisieren musste.

Allein der Umstand, dass Gloria ihrem jungen Partner nicht antwortete, sprach Bände. Man konnte ihre Vorsicht und ihr Misstrauen förmlich spüren. Unter Garantie hatte sie das Licht erlöschen sehen. Sie wusste, dass er hier war. Immerhin war sie nicht umsonst St. Helenas rechte Hand. Weswegen es dem Jäger auch gar nicht erst in den Sinn kam Pläne zu schmieden, die sie zum Ziel hatten. Nein, wenn er hier wieder halbwegs unbeschadet raus wollte, brauchte er den Jungen.

Einen Moment lang richteten sich beide Lichtstrahlen auf die erste Leiche. Beckett nutzte die Gelegenheit dazu, leise Luft zu holen und mit der Hand, die unter dem Laken verborgen war, in seiner Hosentasche nach dem Chip zu suchen. Er zog das Metallteil, etwa so groß und schwer wie ein altes fünfzig Cent-Stück, hervor und wartete, bis die beiden Soldaten mit der Examination der zweiten Leiche beschäftigt waren. Dann ließ er die Hand unter dem Laken hervorgleiten und schnippte den Chip mit einer sachten Bewegung gegen den Stahlschrank, der in knapp drei Metern Entfernung zwischen seiner und Violets Bahre an der gegenüberliegenden Wand stand.

Es war kein lautes Geräusch, als Metall auf Metall traf, doch in der angespannten Stille im Keller kam es einem Donnerschlag gleich. Augenblicklich fuhren beide Lichtstrahlen herum und blieben an dem Schrank hängen. Einer der ältesten Tricks im Buch, sicher, doch wenn man auf der Suche nach einem Einbrecher unversehens in Dr. Tods nachtschwarzem Hobby-Keller gelandet war, dachte man über Geräusche nicht nach. Man reagierte auf sie.

Beckett selbst hätte ganz genau so gehandelt wie Gloria und ihr Rookie, die jetzt langsam auf den Schrank zuschlichen, die Gewehre im Anschlag. Der Jäger hatte inzwischen eine ganz gute Sicht auf die Rücken der beiden und erkannte, dass seine Rechnung aufging. Der kleinere, kompaktere Schemen näherte sich dem Schrank, um ihn zu öffnen, während der größere, schlaksigere Feuerschutz gab, für den Fall der Fälle. Gloria ließ ihre Welpen nie die wirklich gefährlichen Dinge übernehmen.

Der Mann hinter ihnen richtete sich langsam auf und zog geräuschlos das Laken von seinen Beinen. Am Schrank hielt Gloria drei Finger in die Höhe und zählte herunter. Als sie bei eins ankam, geschahen zwei Dinge auf einmal. Sie riss die Tür auf und Beckett sprang vom Tisch. Noch während die beiden Soldaten den Anblick weißer Kittel, im Lichtkegel ihrer Lampen verdauten, war der Jäger hinter dem Anfänger und drückte ihm seine Waffe ins Genick.

*

„Schieß, Gloria! Erledige das Schwein! Nimm keine Rücksicht auf mich!“

Die Stimme des Jungen drang hoch und von dramatischer Bereitwilligkeit zur Selbstaufgabe erfüllt durch den Keller. Leider wurde der Effekt vollkommen durch Glorias unwirsch geknurrtes:

„Ach halts Maul, Jason!“, zunichte gemacht. Ihr war deutlich anzuhören, dass es sie fuchste ausgetrickst worden zu sein. Der Strahl ihrer Lampe war auf Beckett und seine Geisel gerichtet. Es blendete stark, aber der Jäger zuckte mit keiner Wimper. Das hier war jetzt eine Frage der Nerven und im Grunde genommen hatte Gloria die sehr viel besseren Karten.

„Ich wusste doch gleich, dass mir die Fresse bekannt vorkommt“, meinte die untersetzte Frau jetzt, nachdem ihr Schützling verblüfft schwieg und zog mit einer Hand ihre Sturmmaske ab. Beckett konnte dank des Gegenlichts nicht viel von ihr sehen. Aber das war auch nicht nötig. Er kannte Gloria gut genug, um zu wissen, wie sich ihr ernstes, kantiges Gesicht in diesem Moment geringschätzig verzog. Und wenn er es nicht gewusst hätte, hätte er es aus dem Tonfall hören können, mit dem sie jetzt fortfuhr: „Mal ehrlich, Beckett, du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass du auch nur eine Sekunde länger lebst als der Junge, wenn du abdrückst?“

Glaubte der Jäger tatsächlich nicht. Gloria Ferris bildete den militärischen Nachwuchs Helena Goodwyns aus. Sie war schon vor dem Krieg bei der Armee gewesen, einer der wenigen weiblichen Marines in diesen Tagen. Nach dem großen Knall war sie mit einer Einheit nach Jasmin geschickt worden, um die nationale Sicherheit aufrecht zu erhalten. Nur, dass es da schon keine Nation mehr gegeben hatte. Gewöhnt an Ordnung, Stabilität und einen Befehlshaber der vernünftige Entscheidungen traf, hatten sie und ein Teil ihrer Einheit sich als die Lage aussichtslos geworden war, der einzigen Person verschrieben, die all das wenigstens noch im Ansatz symbolisierte. Helena Goodwyn.

Gloria war loyal, gemein und durch und durch in der Lage jemanden präventiv umzubringen, wenn er eine potentielle Gefahr für ihre Leute darstellte. Auf der anderen Seite hatte sie auch eine kleine Schwäche für ihre Jüngsten. Sie opferte sie nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Was auch genau der Grund war aus dem Beckett sich den Knaben geschnappt hatte.

„Mal ehrlich, Ferris“, entgegnete er jetzt ihre eigenen Worte aufgreifend. „Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass ich nicht weiß, dass ich hier sowieso nicht lebend rauskomme. Nachdem ich gesehen habe, was hier läuft. Wir wissen doch beide, was Helena von schlechter PR hält, hm?“

Genau genommen hatte Beckett keine Ahnung, ob Gloria darüber Bescheid wusste, dass Helena ihren eigenen Sohn umgebracht hatte, um zu verhindern, dass seine Zweitidentität als Nightside-Schlitzer bekannt wurde. Aber selbst wenn sie es nicht wusste, es gab genügend andere Dinge in die sie eingeweiht war. Ein paar davon hatten sogar mit Beckett selbst zu tun, der jetzt hinzufügte:

„Ich meine, ihr helft jemandem von unten zu verschwinden, bringt ihn in einem eurer Häuser unter und stellt ihm medizinisches Equipment zur Verfügung, dass er dann nutzt um unsere Leute umzubringen. Könnte mich täuschen, aber ich glaube nicht, dass das so gut ankommen wird auf der Straße.“

An dieser Stelle stieß der Junge, Jason, einen empörten Schnaufer aus.

„Den ganzen Krempel hat er auf gar keinen Fall von uns!“, protestierte er im Brustton der Überzeugung. Offensichtlich mehr um den guten Ruf der Truppe besorgt als über die Waffe in seinem Nacken. Helena erzog sie sich offenbar richtig. Beckett war es im Grunde genommen sowieso herzlich gleichgültig auf wessen Rechnung Frankenstein arbeitete. Er musste lediglich hier rauskommen. Also ignorierte er den Jungen und sprach weiter in Glorias Richtung.

„Das letzte was ihr brauchen könnt ist ein angeknackster Ruf und jemanden der das bezeugen könnte. Was läge also näher als mich umzulegen und mir die ganze Sache anzuhängen?“ Die Wahrheit interessierte die Wenigsten, das wusste der Jäger. Man war zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt und so schluckte man jede halbwegs plausible Erklärung. Wie die, dass James Beckett durchgedreht war und in einem Keller reihenweise Huren umgebracht hatte. Eine Neuigkeit die niemanden überraschte und morgen schon vergessen sein würde. Ein hässliches Grinsen kroch auf das Gesicht des Jägers.

„Das wäre der einfachste Weg aus der Situation, richtig?“, schlussfolgerte er. „Aber mach dir eins klar, Ferris. Wer meine Dienste nutzten möchte, muss dafür zahlen. Meistens nehme ich Geld, aber manchmal tut es auch ein Leben.“ Wie zur Untermalung seiner Worte drehte er die Waffe im Nacken des Jungen ein wenig.

Einen Moment lang war es bis auf Jasons heftig gehende Atemung vollkommen still im Keller. Beckett konnte Glorias abschätzenden Blick auf sich ruhen fühlen. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er Ernst machen und den kleinen Scheißer mit sich nehmen würde. Wahrscheinlich wog sie das Pro und Contra der ganzen Sache gründlich ab. Der Jäger hätte es an ihrer Stelle jedenfalls getan, auch wenn seine Entscheidung anders ausgefallen wäre als Glorias, die jetzt ihre Waffe senkte und mit einem genervten Seufzen sagte:

„Na schön, Beckett. Lass uns reden.“

*

Sie sprachen nicht über das was in diesem Keller geschehen war, nur über das was jetzt geschehen würde. Gloria stellte ihre Bedingungen, Beckett seine. Letztlich war es ein fairer Handel, der hauptsächlich darin bestand, dass Helenas Leute die Spuren beseitigen und die Leichen begraben würden. Mit Ausnahme Violetts, die man dafür in einem verwitterten Lagerschuppen am Rand der neutralen Zone deponierte, wo Beckett sie Leah präsentieren konnte. Dafür gab der Jäger sein Wort, nichts über die Verstrickungen des Goodwyn-Clans in diese Sache durchsickern zu lassen.

Und so kam es, dass er nur zwei Stunden später hinter Leah stehen konnte, die mit reglosem Gesicht neben dem Leichnam ihrer Geliebten hockte.

Es war kalt in dem kleinen Bretterverhau. Die Luft roch nach verrottetem Fisch und Leahs Parfüm, ein seltsamer Mix. Draußen in der Riksha die vor der Tür parkte wartete der Botenjunge, den Beckett seiner Klientin geschickt hatte. Die Inszenierung sollte schließlich echt genug wirken, damit sie keine Fragen stellte. Man hatte sogar darauf geachtet, Violetts Haare und ihr Kleid mit etwas Lehm vom Fußboden der Hütte zu beschmieren, damit es aussah, als läge sie schon länger hier.

Nur würde Leah keine Fragen stellen. Sie war nicht der Typ, der einen gewaltsamen Tod hinterfragte. Nicht in dieser Zeit, nicht in ihrer Profession. Solche Dinge geschahen nun einmal. Was nicht hieß, dass sie nicht darunter litt. Der erschöpfte Ausdruck in ihren Augen war Beweis genug. Nach knapp zehn Minuten nahezu bleiernen Schweigens, griff sie nach Violetts Hand.

„Siehst du das?“, fragte sie tonlos. Es klang fast als würde sie mit sich selbst reden, während sie auf ein kleines, ungeschickt ausgeführtes Tattoo am Unterarm der Toten deutete. Dank des Zustandes des Körpers war es kaum noch zu erkennen. Ein kurzer Schriftzug, Buchstaben, die einen Namen bildeten. Leah. Konnte noch nicht alt gewesen sein, mit einer Nadel in die Haut geritzt und dann Asche hinein gerieben. Simpel und nicht sonderlich gesund, wie die geschwollenen Ränder bewiesen.

„Deshalb ist sie weggelaufen“, erklärte Leah in der für sie typischen abwesenden Art. „Sie hatte es sich gestochen, ich weiß nicht wieso. Vielleicht dachte sie, sie müsste mir etwas beweisen. Und ich – ich bin einfach so wütend geworden als ich es gesehen habe. Das war so unverantwortlich, sie hätte sich dabei alles mögliche fangen können. Immer ist – war – sie so unbedacht.“

Beckett ließ sie reden. Wenn sie etwas von der Seele haben wollte, warum nicht? Immerhin hatte sie gut bezahlt. Die Absolution nach der sie sich offensichtlich sehnte konnte ihr eh niemand bieten.

„Wir hatten einen Streit. Das Letzte was sie von mir gehört hat war – dann geh doch, aber komm dieses Mal ja nicht wieder zurückgekrochen. Du Hure.“

Leah presste die Lippen aufeinander und zog Violetts kalte Hand an ihr Herz. Sie schien den Verwesungsgrad der Leiche kaum zu bemerken. Es wurde wieder still zwischen ihnen, bis die hagere Frau naxch einer Weile unvermittelt fortfuhr:

„Ich weiß was alle denken. Über Violett und mich. Dass ich besser dran bin ohne sie. Dass sie mich nur ausgenutzt hat. Einen Scheiss wissen sie, verstehst du?“ Verbitterung schwang in ihrer Stimme. „Violett konnte ohne mich auskommen. Aber für mich war sie der einzige Grund morgens aufzustehen. Weiterzumachen. Auf sie zu achten hat meinem Leben einen Sinn gegeben. Mit Violett gab es sowas wie Zukunft. Ohne sie …“

Beckett zündete sich eine Zigarette an und wartete darauf, ob Leah weitersprach. Er sorgte sich nicht um sie. Verlust hin oder her, die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich etwas antun würde, war relativ gering. Mit dem Leben in Jasmin war es wie mit dem Rauchen. Beides Angewohnheiten die einen langsam umbrachten, aber schwer aufzugeben waren.

Jetzt schüttelte seine Auftraggeberin den Kopf, bettete Violetts Hand vorsichtig auf ihrem Körper und erhob sich. Etwas wackelig kam sie auf die Füße, die Arme um sich geschlungen als suche sie nach Halt, blieb sie vor Beckett stehen. Ihr Gesicht war so bleich, dass ihre Augen unnatürlich dunkel darin wirkten. Sie zitterte, aber es war wohl weniger die Kälte, die sie schüttelte.

„Ich will, dass du ihn umbringst“, erklärte sie schließlich. Eine merkwürdige Mischung aus Hass, Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit und Abscheu spiegelte sich auf ihrem Gesicht wieder. „Ich will, dass du ihren Mörder findest und ihn umbringst, hörst du? Violetts Leben war vielleicht nicht viel Wert, aber ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass ihr Tod keine Konsequenzen hat für diesen Scheißkerl.“

Ihr gegenüber zog der Jäger eine Augenbraue in die Höhe. Sie fingen an sich in heißes Terrain zu wagen. Nach Violetts Mörder zu suchen konnte Probleme mit Helenas Leuten verursachen.

„Leah“, setzte er zu einer Ablehnung an. Doch seine Auftraggeberin hob nur kurz die Hand.

„Warte!“, sagte sie. In ihren Augen lag plötzlich ein fiebriger Glanz. „Ich kann dich bezahlen.“ Ihr Blick flog zum Leichnam ihrer Geliebten hinüber. „Ich – ich habe gespart. Wir hatten darüber geredet uns nach Grand Valley einzukaufen. Du weißt schon, weg aus der Stadt, ein kleines Stück Land in einer Kommune. Eigenes Gemüse ziehen und Lämmer züchten. Das ganze kitschige Programm.“ Leah lachte abgehackt.

Grand Valley, das fruchtbare Tal, einer der wenigen Orte, der noch halbwegs unverseuchten Boden und, durch Berge geschützt, ein stabiles Klima anzubieten hatte, befand sich fest in der Hand einiger streng religiöser Kommunen. Nur wer einen untadeligen Lebenslauf aufzuweisen hatte und bereit war eine ziemlich hohe Summe zu investieren durfte dort ein Stück Land erwerben. Grand Valley war der Inbegriff all dessen was Jasmins Einwohner sich erträumten, wenn sie sich nachts in ihren kakerlakenverseuchten, muffig stinkenden Wohnungen unruhig im Schlaf drehten, immer wieder aufgeschreckt vom Lärm der Strasse, Schreien und Schüssen.

Beckett, der Grand Valley ab und an erleben durfte, wusste jedes Mal aufs Neue zu schätzen, was er an der Stadt hatte, wenn er aus dem Tal zurück kehrte. Aber auf Leah musste es eine ungeheure Anziehungskraft ausgeübt haben. Die Erschöpfung schien sie wieder zu übermannen, sie rieb sich müde über die Augen.

„Achthundert“, schlug sie bemüht geschäftsmässig vor. „Ich kann dir achthundert bieten. Denk darüber nach, Beckett.“

Der Jäger musterte sie interessiert. Nun, für so viel Geld würde er mit Sicherheit gründlich nachdenken.

6.

Es war zwei Monate her, dass Beckett Helena Goodwyn gesehen hatte. In einem Lagerschuppen in einem der miesesten Viertel der Stadt. Bewaffnet und auf der Jagd nach einem Killer. Sie hatte ihn gefunden und aus dem Weg geräumt, bevor er alles zerstören konnte wofür sie jahrzehntelang gearbeitet hatte. Denn Helena Goodwyn hatte einen Traum. Einen Traum dem sie alles opferte. Auch wenn es ihr eigener Sohn war.

Als er jetzt in Begleitung zweier schwer bewaffneter Wachen den geräumigen Innenhof der zur Festung umgebauten ehemaligen Stadtbibliothek betrat, fragte der Jäger sich, ob der Verlust ihres Sohnes sichtbare Spuren hinterlassen hatte. Und ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen.

Fahlgelb schimmerte die Morgensonne zwischen grauen Wolkenschleiern hervor in das offene Carree in dessen Mitte der vermutlich hartnäckigste Baum der Stadt wuchs. Es war eine zweihundert Jahre alte Kastanie, die man bei Gründung der Bibliothek gepflanzt hatte. Und wie die Leute, die das Innere der umliegenden Gebäude bewohnten, weigerte auch der Baum sich, die Zeichen der Zeit zu erkennen und einfach aufzugeben, wie die meisten seiner Artgenossen. Ungeachtet des toxischen Regens, der ständigen Witterungswechsel und des Ungeziefers, das sich wie eine Plage über die Stadt ausgebreitet hatte, lebte dieser Baum vor sich hin. Seinem eigenen Rhythmus folgend. Der ihm jetzt eingab es wäre Herbst. Zeit das Sommerkleid langsam abzuwerfen.

In seinem sich lichtenden Schatten saß St. Helena auf einer Bank und las in einem Buch. Sie wirkte kaum verändert, wie Beckett feststellte, als er näher trat und sie mit dem ihr eigenen, unverbindlichen Lächeln zu ihm aufsah.

„Mr. Beckett“, begrüsste sie ihn und gab den Wachen mit einem Nicken zu verstehen, dass sie sich entfernen konnten, „Was führt Sie zu uns?“ Ihre Stimme klang ruhig und kultiviert wie immer. Sie war adrett gekleidet, ohne aufgedonnert zu wirken und sah aus als würde sie regelmässig Nahrung zu sich nehmen. Beckett fühlte sich bis zu einem gewissen Grad erleichtert. Die Idee, dass jemand mit Helenas Macht schwach wurde, gefiel ihm nicht.

„Geldgier“, antwortete er lakonisch und nahm neben ihr Platz, als sie ihn mit einer Handbewegung dazu aufforderte. Das Buch, ein Gedichtband von Robert Frost, ruhte auf ihrem Schoß.

„Hm“, machte sie. Der Blick, dem sie ihm zuwarf drückte mildes Interesse aus. „Wie gut, dass manche Dinge konstant bleiben im Leben.“ Sie lächelte leicht und übernahm augenblicklich die Kontrolle über das Gespräch. „Gloria erzählte mir von ihrer letzten Begegnug, James. Wir sind Ihnen ausgesprochen dankbar für Ihre Hilfe und Diskretion in dieser, nun, bedauerlichen Angelegenheit.“

Bedauerlich. So konnte man es auch nennen. Nicht, dass Beckett daran gezweifelt hätte, dass sie das Ganze wirklich bedauerte. St. Helena fühlte auch mit dem letzten Abschaum. Ihr Credo lautete: Jedem eine zweite Chance. Zu dumm, dass Aaron sich das nicht hatte schriftlich geben lassen.

„Dr. Frankenstein?“, erwiderte er knapp. „Ja, schon ´ne seltsame Sache nicht? Muss euch ´ne Menge Mühe gekostet haben seine Flucht zu organisieren. Ich hörte die Maulwürfe sind da sehr auf der Hut in der letzten Zeit.“

Das Syndikat sah es nämlich nicht wirklich gerne wenn seine auserwählten, verzogenen und innig geliebten Untertanen ihm den Rücken zuwandten und ihr Glück auf der Oberfläche suchten. Die meisten der New Yasminer waren hoch spezialisierte Experten auf den Gebieten der Kunst, Kultur oder Wissenschaft. Zum Teil noch vor dem GAU handverlesen. Jedes fehlende Glied in ihrer Kette konnte katastrophale Folgen für ihre Gesellschaft haben.

Helena auf der anderen Seite hatte durchaus ein Interesse daran, das Syndikat zu destabilisieren. Und so verhalf sie schon seit ein paar Jahren Maulwürfen zur Flucht nach oben. Dort angekommen brachte man sie in sicheren Häusern unter, um ihnen ein Einleben und eine neue Identität zu ermöglichen.

„Nun“, entgegnete Helena gelassen. „Damals erschien Dr. Jennings uns dieser Mühe durchaus Wert.“

Was nichts anderes hieß, als dass der Kerl entweder ein ziemlich hohes Tier gewesen war oder über wichtige Dinge Bescheid wusste. Vielleicht auch beides.

„Klingt als hätte sich Ihre Meinung geändert“, schlussfolgerte Beckett aus den Äußerungen der Bibliothekarin. „Eine Idee, wo er sich aufhalten könnte? In einem anderen eurer Häuser vielleicht? Ich könnte eine Liste gebrauchen.“

„Oh, James“, antwortete die Frau neben ihm und schüttelte lächelnd den Kopf. „Sie wissen, dass ich das nicht tun kann. Ihre Prioritäten sind dafür ein wenig zu ungeklärt.“ Ein subtiler Hinweis darauf, dass Helena durchaus wusste, dass ihr Besucher ab und an auch für die Gegenseite arbeitete. „Ich fürchte, ich kann Ihnen keine Liste bieten. Allerdings die Versicherung, dass wir unsere Einrichtungen überwachen. Dr. Jennings kennt sich nicht gut genug an der Oberfläche aus, um lange auf eigene Faust durch die Stadt streifen zu können.“

„Hm“, machte Beckett skeptisch. „Würd´ ich Ihnen gern glauben, Helena. Auf der anderen Seite – dafür dass er sich nicht auskennt, hat er ziemlich schnell begriffen, wo er Versuchsmaterial herbekommt. Und wenn ich das richtig verstanden habe, ist die medizinische Ausrüstung auch nicht von euch geliefert worden. Ziemlich clever für einen Maulwurf.“ Der Jäger hatte nicht wirklich erwartet, dass die Bibliothekarin ihm die Position der sicheren Häuser verraten würde. Er war aus einem anderen Grund hier. Und wenn er sich nicht sehr täuschte, näherten sie sich diesem Punkt langsam.

„Das ist beides leider leicht zu erklären“, erwiderte Helena nun. „Sehen Sie, James. Wann immer wir eine Person von unten heraufholen, stellen wir ihr jemanden zur Seite, der sie in den ersten Wochen instruiert. Einen Tutor. Wie es inzwischen scheint ließ Dr. Jennings Tutor es unglücklicherweise an sorgfältigen Instruktionen mangeln.“

„Sein Tutor“, wiederholte Beckett, nachdenklich. „Kann ich ihn sprechen?“

Da war nur ein winziges Flackern in Helenas grauen Augen zu sehen als sie ruhig erwiderte:

„Ich fürchte das ist unmöglich.“

Einzig die Art auf die sich ihre Hand um das Buch auf ihrem Schoss krallte, so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten, verriet sie. Verriet, wer Jennings Tutor war. Oder genauer gesagt gewesen war. Aaron Goodwyn musste ein beschäftigter kleiner Scheißkerl gewesen sein. Neben seinem Tagesjob und seiner Zweitidentität als Serienkiller hatte er also noch Zeit gehabt diesem Jennings den Weg zum Licht zu zeigen.

„Keine Spur also“, fasste Beckett einsilbig zusammen.

„Bedauerlicherweise“, entgegnete Helena emotionslos. „Ausgesprochen schade, nicht wahr? Wir hätten ihn sicherlich behandeln können. Doch so.“ Sie seufzte. „Ein Jammer, wenn man an all die furchtbaren Dinge denkt, die dem Unvorsichtigen in den Strassen dieser Stadt zustoßen können.“ Der Schatten eines Lächelns geisterte um ihre Lippen und der Jäger neben ihr wusste, dass er gerade bekommen hatte, weswegen er eigentlich hierher gekommen war. Die Erlaubnis, Jennings zur Strecke zu bringen. Ihr Treffen war beendet.

Die Bibliothekarin erhob sich.

„Mögen Sie Frost, James?“, fragte sie freundlich.

Beckett zuckte mit den Schultern.

„Lyrik ist nicht unbedingt meine Welt“, erwiderte er kurz angebunden. Im Grunde genommen las er kaum jemals. Ab und an die Zeitung, die Helenas Leute herausbrachten oder einen Bericht den Wexler ihm zukommen ließ.

„Nun, ich denke, Sie sollten ihm eine Chance geben“, meinte sein Gegenüber nun und reichte ihm das Buch in ihrer Hand. Dann wandte sie sich um und ging ohne Abschiedsgruß davon. Der Jäger starrte ihr nachdenklich hinterher. Als sie außer Sicht war, schlug er das Buch an der Stelle auf, die Helena durch ein Lesezeichen markiert hatte.

Der Titel des Gedichts auf dieser Seite lautete der Kokon und für ein paar Augenblicke lang fand Beckett Lyrik nicht so uninteressant wie sonst.

*

Schon bevor er Helena aufgesucht hatte, hatte Beckett sich die Zeit genommen das ehemalige Versteck des Maulwurfs zu beobachten. Doch Jennings war nicht wieder aufgetaucht. Hin und wieder hatte er einige von Glorias Leuten das Haus betreten sehen, aber das war auch schon alles gewesen. Wie auch immer er das angestellt haben mochte, aber Violetts Killer hatte offensichtlich Lunte gerochen. Sein Jäger wusste instinktiv, dass er ihn hier nicht mehr antreffen würde. Was er aber auch wusste, war dass der gute Doc sein Tun nicht aufgeben würde. Etwas trieb den Kerl an. Brachte ihn dazu alle Vorsicht ausser Acht zu lassen.

Glücklicherweise waren Jennings Morde sehr viel komplizierter als Aarons, dem ein Messer und ein Siegel gereicht hatten. Komplizierter zu Töten bedeutete aber auch mehr Spuren dabei zu hinterlassen. Und einer dieser Spuren folgte Beckett, als er jetzt in einer kleinen dunklen Gasse, vor einem Gullydeckel zum Stehen kam und sich hinkniete, um in das elektronische Zahlenschloss das ihn sicherte, eine Zahlenreihe einzugeben.

Es war ein Code den nur wenige ausgewählte Kunden des Bewohners dieses Kanalabschnitts kannten. Teddy Christopher nämlich war ein Paradebeispiel an Paranoia, was vielleicht nicht unbedingt verwunderlich war, wenn man um seine Vergangenheit wusste. Der Grund aber warum er sich ausgerechnet einen stillgelegten Abwasserkanal als Bleibe ausgesucht hatte, blieb Beckett schleierhaft. Er persönlich konnte mit der Begründung:

„Weil ich ein verfluchter Ninja-Turtle bin, Alter!“, nicht sonderlich viel anfangen.

Der Deckel schnappte mit einem leisen, hydraulischen Zischen auf und erlaubte es dem Jäger in die muffige Finsternis darunter zu klettern. Kaum war er eingestiegen, schloss sich der schwere Metallschild wieder. Einen Moment lang war es komplett dunkel. Außer dem entfernten Tropfen von Wasser und dem Scharren winziger, krallenbewehrter Füßchen auf dem Beton, war nichts zu hören. Dann flackerte eine unangenehm grelle Neonleuchte auf und erhellte die Umgebung,

Beckett gab einen unwilligen Laut von sich, als ihn das Licht blendete. Nach ein paar Sekunden war er am Boden des Schachtes angelangt. Von hier aus waren es noch gut fünfhundert Meter und drei andere Zahlencodes, die unter anderem einen Hochspannungszaun und eine Selbstschussanlage entsicherten, bis zu Teddys Haupthöhle. Dort angelangt starrte Beckett auf einen kleinen Bildschirm der neben einer schweren, gußeisernen Tür angebracht flimmerte. Ein Auge sah ihm in schwarz-weiß entgegen. Aus einem unsichtbaren Lautsprecher knarrte eine Stimme:

„Das Passwort, Beckett!“

Aus Erfahrung wusste der Jäger, dass es keinen Sinn hatte mit Teddy darüber zu streiten. Der Spinner ließ einen tatsächlich nur rein, wenn man über das monatlich wechselnde Kennwort Bescheid wusste. Also runzelte Beckett missbilligend die Stirn, knurrte aber:

„Voight-Kampff“, ohne eine Ahnung zu haben, was das eigentlich bedeuten sollte.

Es klickte und die Tür glitt geräuschlos zur Seite. Dahinter erwartete den Jäger eine düstere Höhle, die allein vom Flackern unzähliger Monitore beleuchtet wurde. Um seinen Bereich zu vergrößern und mehr Platz für seinen Krempel zu schaffen, hatte Teddy Durchbrüche zu angrenzenden Kanälen schaffen lassen. Den Raum in dem Beckett sich gerade aufhielt nannte er seine Brücke. Von einem erhöht angebrachten, mobilen Sessel aus, sammelte er alle möglichen Informationen über Jasmin und hielt sie in einem System fest, das auf den Namen Laika hörte. Auch jetzt wartete er dort oben auf seinen Besucher.

Teddy Christopher war vier- oder fünfundzwanzig Jahre alt und wäre auch ohne die halbe Ausstattung eines Prä-GAU Elektronikwarenladens die ihm aus Rücken und Nacken wucherte, nicht sonderlich ansehnlich gewesen. Bleich, mit dünnem, dunkelblondem Haar und trüben blauen Augen, war er das Modell eines Maulwurfs. Teddy aber war nicht nur ein ehemaliger Einwohner New Jasmins. Nein, er war auch noch ein Fifty. Eines dieser Wesen das in jedem Jäger automatisch den Reflex auslöste, ihm den dünnen Hals umzudrehen und sein Herz an den nächstbesten Händler zu verscheuern. Denn wie für jeden Fifty, existierte, seit dem Massenausbruch vor acht Jahren, auch für Teddy ein Auftrag des Syndikats.

Problematisch war nur, dass der Knabe lebend für die meisten Jäger sehr viel wertvoller war als tot.

„Sieh mal an, Beckett“, begrüßte Teddy seinen Besucher jetzt. Sein Stuhl senkte sich ab und hielt in einer Position, die ihn auf Augenhöhe mit dem Jäger brachte. „Was hat dich denn in meinen Kanal gespült?“ Aus irgendwelchen Gründen schien der junge Mann ständig gut gelaunt zu sein. Obwohl seine Extensionen ihm das Leben zur Hölle machen mussten. Auch jetzt grinste er von einem Ohr zum anderen.

Beckett hielt sich nicht lange mit Smalltalk auf.

„Ich muss jemanden finden und brauche ein paar Infos.“

„Hm“, gab sein Gegenüber zurück. „Warum kommst du damit zu mir? Hat Deana Troi ihre Periode?“

Es klang gehässig genug, damit der Jäger wusste, auf wen der Fifty anspielte.

„Ryan kann mir bei dem Kerl nicht helfen“, erwiderte er gleichgültig. Ryan und der Cyborg hatten sich nur einmal getroffen und sich auf Anhieb unausstehlich gefunden. Was Beckett herzlich egal war. Er zog den Chiprest, den er von Gloria unbemerkt, aus Jennings Keller hatte mitgehen lassen aus seiner Manteltasche. „Du weißt was das ist oder?“

Neugierig nahm Teddy ihm den Chip ab. Etwas surrte und aus seinem Nacken wuchsen zwei tentakelartige Metallstränge, zwischen denen ein schwaches, elektrisches Feld flimmerte. Es schob sich über die Augen des jungen Mannes, die dahinter merkwürdig zu glühen begannen. Schon nach ein paar Sekunden zeigte sich ein angewiderter Zug um seinen Mund.

„NJC-Tech“, stellte er fest. Ihm war anzusehen, wie wenig Liebe er für das Thema aufbrachte. Nicht sonderlich erstaunlich, verdankte er den überflüssigen biomechanischen Müll in seinem Körper doch derselben Firma. Wie alle seiner Art war Teddy als ganz normaler Mensch auf die Welt gekommen. Und wie alle anderen hatte er den Ansprüchen nicht genügt, die das Syndikat an die Bewohner seiner schönen neuen Welt stellte. Bei manchen war es die zu geringe Intelligenz. Andere wiesen schwere körperliche Schäden auf. Und wieder andere, so wie Teddy, hatten Anpassungsschwierigkeiten, aber erstaunliches Potential. Nachdem er als Junge einmal zu oft negativ aufgefallen war, hatte man ihn verbessert. In der Hoffnung, seine Hochbegabung in geregelten Bahnen nutzbar zu machen.

„Wenn ich mich nicht irre, und wir wissen beide, dass ich das nicht tue“, fuhr er jetzt fort. „Dann haben wir hier doch tatsächlich ein Echo-Speichermodul. Du weißt schon, für Bewusstseinsstrukturen. Kokon-Technologie.“ Womit er bestätigte, was sein Besucher schon seit einer ganzen Weile vermutet hatte. Die Augen weit aufgerissen hinter seinem Vergrößerungsfeld sah Teddy ihn an. „Alter, dass muss dich ja ganz schön triggern was?“

Beckett zog eine Augenbraue in die Höhe und warf dem Fifty einen Blick zu, der deutlich besagte, dass er seine Befindlichkeiten in dieser Beziehung nicht weiter zu diskutieren wünschte. Es gefiel ihm sowieso nicht sonderlich, dass jemand Zugriff auf seine Prä-GAU-Akte hatte. Manchmal war der kleine Freak vielleicht ein bisschen zu intelligent.

Aber wenigstens wusste er, wann er besser die Klappe zu halten hatte, denn er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Chip zu.

„Was mich interessieren würde – wo hast du das Ding eigentlich her? Das Syndikat lässt seinen Kram nicht gerade auf der Strasse rumliegen.“

Der Jäger gab ihm die Kurzfassung der Ereignisse. Eine die alles was mit Helenas Truppe zu tun hatte, außen vor ließ. Tote Cracknutte, Loch in der Schläfe, Chip in der Wunde, mehr musste Teddy nicht wissen. Es genügte ihm auch, wenn Beckett seinen Gesichtsausdruck richtig deutete. Der Sessel des Cyborgs surrte ein Stück zurück, wieder näher an die Computerbildschirme heran.

„A-aber das macht gar keinen Sinn!“, wunderte er sich und klang als würde er mehr mit sich selbst sprechen als mit seinem Besucher. „Ehrlich, das Echo eines Menschen in den Körper eines anderen zu verpflanzen ist ein hochgradig komplizierter, extrem technisierter Eingriff. Selbst unten liegt die Kokonsterblichkeitsrate bei fünfundzwanzig Prozent. Und die sind alle in Topform und an modernste Geräte angeschlossen. Zu versuchen einem Junkie einen Chip einzusetzen, noch dazu unter den hiesigen Bedingungen … das könnten nicht mal Experten wie Candida, Nemzow oder Jennings. Warum versucht der Typ es nicht gleich mit Faustkeil und Büffelknochen? Entweder ist er richtig irre oder richtig verzweifelt.“

Während Teddy enthusiastisch begann auf einem alten Energieriegel zu kauen, dachte Beckett darüber nach, dass der Name den der Fifty gerade erwähnt hatte, kaum zufällig mit dem des Killers übereinstimmen konnte. Wenn der Jäger sich nicht sehr täuschte, dann beschränkte sich sein Motiv weder auf das Entweder, noch auf das Oder. Es war eher im und zu finden. Irre und verzweifelt. Was ihn letztlich wieder aus seinem Loch treiben würde.

Jennings war also vom Fach und versuchte allen Ernstes eine Echotransplantation durchzuführen. Experte der er war verfügte er über das Wissen, was ihm dagegen fehlte war vor allem die Technologie.

„Glaubst du er könnte noch irgendwo in Jasmin Geräte auftreiben, die ihm zu mehr Erfolg verhelfen?“, wollte er von Teddy wissen, dessen Silhouette sich dunkel vor dem Hintergrund seiner Monitorwand abzeichnete. Der jüngere Mann verschluckte sich an seinem Riegel als er versuchte laut loszulachen. Krümel spuckend keuchte er:

„Jesus, Beckett. Reiß nicht solche Witze. Willst du mich in ein frühes Grab bringen? Du weißt doch genauso gut wie ich, dass sich das Syndikat damals gleich nach dem großen Bang alles unter den Nagel gerissen hat, was auch nur annähernd nach Hochtechnologie ausgesehen hat. Wenn das anders wäre, glaubst du dass ich dann hier noch mit diesem Haufen Schrott herumhocken würde?“ Bei diesen Worten deutete er auf eine der dunklen Seitenhöhlen, die er dem Jäger vor einiger Zeit mal gezeigt hatte. Dort lagerten unzählige alte Computerteile, die der Fifty sich zu einem einzigen gigantischen System zusammengebastelt hatte. Jetzt schüttelte er den Kopf und fuhr fort.

„Und willst du mal wissen, was das wirklich Traurige an der Sache ist, Alter? Das wirklich Traurige ist, dass mal abgesehen von mir, dieser Schrotthaufen das beste Stück Technologie in ganz Jasmin ist.“

Teddy klang stolz. Auch wenn er sein System Schrott nannte, er liebte dieses Ding genug, um ihm sogar einen Namen gegeben zu haben. Jeder Händler in Jasmin, der sich auf Elektronik spezialisiert hatte, kannte und respektierte den Cyborg. Was der Grund war aus dem sein Besucher jetzt sagte:

„Und genau deshalb wirst du mir auch einen Gefallen tun, Teddy.“

———-

The Cocoon

As far as I can see this autumn haze
That spreading in the evening air both way,
Makes the new moon look anything but new,
And pours the elm-tree meadow full of blue,
Is all the smoke from one poor house alone
With but one chimney it can call its own;
So close it will not light an early light,
Keeping its life so close and out of sign
No one for hours has set a foot outdoors
So much as to take care of evening chores.
The inmates may be lonely women-folk.
I want to tell them that with all this smoke
They prudently are spinning their cocoon
And anchoring it to an earth and moon
From which no winter gale can hope to blow it,–
Spinning their own cocoon did they but know it.

Robert Frost – 1928

————-

7.

Gerade noch rechtzeitig gelang es Beckett den Schild hochzureißen, den er dem ersten Leibwächter abgenommen hatte. Dem, der kein Problem gewesen war. Anders als Nummer zwei, der sich nach Leibeskräften bemühte, wett zu machen, was sein Kumpel verpasst hatte.

Funken sprühten, als die Metallaxt des riesigen Kerls auf die achtlos zusammengenagelten Blech-Radkappen trafen, die seinem am Boden liegenden Gegner ein letztes Mal das Leben retteten, bevor sie unter der Wucht des Aufpralls regelrecht zerbarsten. Beckett ließ die Teile fallen und rollte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Seite, bevor der Riese ein weiteres Mal ausholen konnte. Der Kerl hatte ihn mit einem Faustschlag von den Füßen gefegt und mindestens eine Rippe gebrochen. Eine zweite günstige Gelegenheit wollte der Jäger ihm nicht bieten. Schon gar nicht seiner Axt.

Aus dem Liegen heraus zog Beckett sein Messer und schleuderte es seinem Angreifer entgegen. Es war nicht einmal sonderlich präzise gezielt. Hätte der Wächter sich nicht im selben Augenblick etwas seitlich gedreht, um für seinen nächsten Schlag auszuholen, hätte er das Ganze vielleicht sogar überlebt. So aber traf das Messer seinen Hals und blieb mitten in der Aorta stecken. Augenblicklich ergoss sich ein Sprühregen aus Blut über Beckett, der sich keuchend aufrichtete und aus der Gefahrenzone hechtete.

Vorsichtshalber zog er noch seine Schusswaffe. Doch das war gar nicht nötig, denn Goliath erledigte sich selbst. Die Augen vor Schock geweitet tastete er mit seinen gewaltigen, flatternden Händen nach dem Messer und zog es mit einem Ruck heraus. Der Blutschwall, der diese Aktion begleitete war gewaltig. Drei Sekunden später sackte der Gigant in sich zusammen und blieb merkwürdig verkrümmt am Boden hocken.

Ihm gegenüber wartete der Jäger an die Wand gelehnt die letzten Zuckungen ab und ging dann hinüber, um sein Messer aus den toten Fingern zu winden. Während er es abwischte, sah er sich in dem Zimmer um, in dem der Kampf statt gefunden hatte. Es musste mal der Raum eines Kindes gewesen sein. An einer der schimmligen Wände, hing noch immer die einsame, vergilbte Zeichnung eines Hauses mit Blumengarten, blauem Himmel und Sonne. Trotz der sehr naiven Malweise und er frischen Blutspuren auf dem Bild, war zu erkennen, dass es das Haus darstellen sollte, in dem Beckett sich aufhielt. Zusammen mit Doc Jennings.

Ihn aufzuspüren war einfacher gewesen als zuerst angenommen, denn Jennings hatte den Köder schneller geschluckt als Beckett erwartet hatte. Alles was nötig gewesen war, war unter den Tech-Händlern die Nachricht zu verbreiten, dass Teddy einen Teil seines Krams loswerden sollte. Nur unter Protest hatte der Fifty sich dazu bringen lassen, bei der Sache mitzuspielen. Schließlich hatte auch er einen Ruf zu verlieren. Teddy allerdings besaß einen gravierenden, seltsam weltfremden Schwachpunkt. Ein Gewissen. Die Idee einen Mörder, noch dazu einen Maulwurf, von weiteren Greultaten abzuhalten, potentielle Opfer zu retten hatte ihn letztlich geknackt.

Bereits drei Tage später waren von zwei Händlern Anfragen eingegangen, die zu Geräteteilen passten, wie man sie im medizischen Bereich benötigte. Eine Anfrage lief allerdings im Auftrag einer Klinik, die zu St. Helenas Leuten gehörte. Die andere dagegen war über einen obskuren Kleinhändler eingegangen, der sich glücklicherweise seinerseits schnell zur Zusammenarbeit hatte überreden lassen. Und so war Beckett bereits einen Tag nach der letzten Anfrage einem wüst aussehendem Kerl bis zu einem Haus im Randgürtel des ehemaligen Hafenviertels gefolgt in dem er Jennings vermutete.

Der Doc hatte, wie es schien, schnell dazu gelernt und sich ein paar Handlanger zugelegt, die ihm nicht nur Schutz garantierten und Botengänge für ihn unternahmen, sondern auch noch einen Unterschlupf zur Verfügung stellten. Aaron Goodwyn, schlauer kleiner Bastard der er gewesen war, musste den Maulwurfmann mit Geld und guten Tipps nur so zugeschissen haben.

Das Ganze machte Beckett so vorsichtig, dass er das Haus zu observieren begann, bevor er schließlich einstieg. In den darauf folgenden fünf Stunden geschah nur ein Mal etwas Interessantes.

Er beobachtete, wie ein paar von Jennings Lakaien jemanden ins Haus schleiften der bewusstlos zwischen ihnen hing. Des Doktors nächstes Versuchskaninchen wahrscheinlich. Es war fast lächerlich, dass man ihm oder ihr eine schwarze Tüte über den Kopf gestülpt hatte. Wer auch immer es war, das Haus würde er eh nicht wieder verlassen. Und wenn doch – bei wem sollte er oder sie die Jungs schon anzeigen?

Als endlich ein halbes Dutzend von ihnen verschwanden, sah der Jäger seine Chance gekommen. Da waren noch drei Wächter und sehr wahrscheinlich Jennings im Haus. Kein Problem mit dem man nicht fertig wurde.

Den ersten Bodyguard erwischte Beckett bei einem Nickerchen unter einem Baum, von dem aus er eigentlich hätte Wache halten sollen. Es genügte ihn bewusstlos zu schlagen, anders als bei dem Kerl im Kinderzimmer des Hauses durch das der Jäger eingestiegen war. Aus irgendwelchen Gründen hatte der blöde Drecksack bereits hinter der Tür zum Flur gelauert und Beckett fast umgebracht. Seine Rippen schmerzten jedenfalls höllisch und erinnerten ihn daran, diesen Tag so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, bevor sich noch eine von ihnen in seine Lunge bohren konnte.

Dass ihm der dritte Wächter keinen Ärger machen würde, wusste der Jäger, als er eine hohe, unangenehm schnarrende Stimme von der Tür her sagen hörte:

„Sag mal ist das ein Hobby von dir oder so? Meine Leute umzulegen? Und musste es ausgerechnet Burke sein? Warum nicht Larry, der hat eh nur Scheiße in der Birne.“

Beckett warf dem aufgebrachten jungen Mann der am Türrahmen lehnte einen leidenschaftslosen Blick zu. Er hatte Aisling schon von seinem Beobachtungsposten aus gesehen. Der farbenprächtige Irokesenschnitt den sein unfreiwilliger Hin-und Wieder-Informant trug war ein ziemlich deutliches Identifikationsmerkmal. Und wenn das nicht gereicht hätte, dann hätte er den Jungen auch am Gang erkannt. Aisling lief immer wie eine hungrige Hyäne.

„Du wirkst nicht sonderlich überrascht“, stellte der Jäger jetzt ruhig fest.

An den Türrahmen gelehnt zuckte Aisling mit den Schultern. Er war immer noch sauer, wagte es aber nicht, den anderen Mann anzugreifen. Wie so viele Rudeltiere war er vor allem in der Gruppe stark.

„Ich wusste von Anfang an, dass der Typ Ärger bedeutet“, meinte er und nickte vage in Richtung des Flurs. „Diese Syndikats-Wichser bedeuten doch immer Ärger.“ Er tippte sich an die lange, geierschnabelartige Nase. „Das riech´ ich zehn Meilen gegen den Wind. Aber er zahlt verdammt gut und da dachten wir, wir machen´s so lange wie´s gut geht. Mir dir hab ich allerdings nicht gerechnet.“ Wieder warf er einen finsteren Blick auf den Toten am Boden. „Ach, Dreck. Burke war ein prima Kerl, du Arschloch. Auf den konnte man sich wenigstens verlassen.“

Er stakste an Beckett vorber und zog dem Toten den Gürtel aus der Hose. Im Gürtel fanden sich versteckte Geldscheine, die umgehend in Aislings rechten Stiefel wanderten.

„Die Jungs sind in etwa einer Stunde wieder hier“, informierte er den Jäger kühl. „Und ich auch. Wenn du schlau bist, bist du bis dahin mit allem fertig. Der Wichser sitzt übrigens im Keller. Keine Ahnung ob er was von dem Tumult hier spitz gekriegt hat. War aber schwer zu überhören.“

Mit diesem Worten ging der Irokese zum Fenster und kletterte hinaus. Sein Blick flog ein letztes Mal zur Leiche.

„Echt ´ne Schande“, kommentierte er und verschwand dann aus der Sichtweite. Beckett zuckte seinerseits mit den Schultern und begab sich auf die Suche nach dem Keller.

*

Die Bilder glichen sich so stark, dass den Jäger einen Moment lang ein seltsames Dejá vù Gefühl überkam.

Auch in diesem Keller war es dunkel, bis auf das Licht einer schwachen Glühbirne. Auch hier stank es muffig. Nach Alter und Tod. Und auch hier gab es einen Tisch auf dem ein regloser, nackter Körper lag. Beckett benötigte einen Moment, bis er realisierte, dass er den Jungen der dort lag, kannte. Wie es schien hatte Jennings zumindest eine Änderung bei seinem Muster vorgenommen und begonnen nach jüngeren, kräftigeren Kokons zu suchen. Wie er dabei an Ryan gelangt war, konnte der Jäger nicht sagen.

Nicht sonderlich gut gelaunt trat er hinter den Mann, der neben der Liege bewegungslos auf einem Metallstuhl saß. Es war eindeutig Jennings. Die Kleidung, die starre Haltung. Er hatte Violetts Mörder gefunden. Und wie es schien war er schon erwartet worden.

Mit einer ruhigen Bewegung presste Beckett dem Maulwurf seine Waffe in den Nacken. Man musste Jennings zugute halten, dass er nicht einmal zuckte als das kühle Metall seine bloße Haut berührte.

„Sie können mich nicht umbringen!“, sagte er mit absolut beherrschter Stimme. Einer Stimme die dem Jäger hinter ihm klar machte, dass der Mann weder irre noch verzweifelt war, sondern einfach entschlossen. „Nicht jetzt. Nicht jetzt, wo wir so nahe daran sind.“

„Oh, ich denke, Sie umzubringen dürfte kein Problem sein“, erwiderte Beckett ungerührt.

„Aber es wird eines“, entgegnete Jennings nicht weniger emotionslos. „Sie haben ja keine Ahnung, was wir getan haben. Keine Ahnung.“ Seine Hand rutschte von seinem Schoss herab. Daraus fiel etwas hervor. Eine größere Version des Chips aus Violetts Gehirn. Die Trägermatrix. Stein des Anstoßes für all das hier. Der Jäger widerstand dem Drang sich danach zu bücken und sie aufzuheben. Er musste nicht wissen, wessen Echo sich in dem Speicher befand.

Währenddessen sprach der Maulwurf eindringlich weiter.

„Wenn wir das nicht zuende bringen, wird es ungeahnte Konsequenzen für uns alle haben. Verstehen Sie?“ Er lachte heiser und müde. „Mich umzubringen mag jetzt kein Problem sein. Aber verlassen Sie sich drauf. Mein Tod wird zu einem werden.“

Hinter ihm zuckte Beckett unmerklich mit den Schultern.

„Nicht zu meinem, Doc“, entgegnete er knapp. Und drückte ab.

Fin

~ von timurxmatthis am März 2, 2008.

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